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Neue Produkte, Services oder Geschäftskonzepte werden meist hinter verschlossenen Türen entwickelt. Doch woher wissen Firmen, ob diese dem Kunden gefallen? Im Nürnberger Innovationslabor „Josephs“ können Unternehmen ihre Produkte von Passanten in der Fußgängerzone testen lassen – bevor sie entscheiden, ob sie markttauglich sind.

 

Top oder Flop? Diese bange Frage stellt sich jeder, der ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung entwickelt. Denn was Unternehmer für eine gute Idee halten, muss noch lange nicht zum Kassenschlager werden. Ganz im Gegenteil.

Oft floppen neue Produkte, weil sie sich zu stark an den Bedürfnissen eines einzelnen Entwicklers orientieren. Ein Fehler, den das Unternehmen Myboshi aus dem fränkischen Konradsreuth vermeiden wollte. Der Fachhändler und Spezialist für Wolle, Häkel- und Strickanleitungen entwickelte vor rund vier Jahren eine App, über die sich die Kunden Handarbeitsanleitungen auf ihre Smartphones laden können.

Bevor sie allerdings auf den Markt kam, entschied sich Geschäftsführer Thomas Jaenisch dafür, die App auf Tauglichkeit und Akzeptanz testen zu lassen – und zwar von Kunden höchstpersönlich.

 

Prototypen testen lassen

Möglich ist das im offenen Innovationslabor „Josephs“. Seit fünf Jahren kooperiert dort die Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS mit dem Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

In einem 400 Quadratmeter großen Showroom präsentieren etablierte Unternehmen und Startups auf sogenannten Forschungsinseln ihre noch nicht marktreifen Produkte. In einer Service- und Erlebniswelt können Besucher Prototypen testen und beurteilen. Ihre Ideen fließen so direkt in die Entwicklungsprojekte der Firmen ein, die Kunden werden zu Mitentwicklern.

Eine Herangehensweise jenseits sturer Kundenbefragungen und weit entfernt von starren Marktanalysen. Niemand bekommt Geld oder Geschenke für sein Urteil. Neben der Werkswelt mit den fünf Testinseln bietet das Josephs in seiner Denkfabrik zudem Raum für Vorträge und Workshops.

Das Forschungsprojekt wurde mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielten die Franken 2018 den Wissenschaftspreis des EHI Retail Institute in Köln, unter anderem für den Feldversuch von Myboshi. Dessen App erwies sich zwar als eine technisch durchdachte und innovative Idee – doch die Verbraucher wollten sie nicht annehmen.

„Die Kunden im Labor fanden es zu kompliziert, zu häkeln und gleichzeitig die Anleitungen auf ihrem Smartphone zu lesen“, fasst Jaenisch zusammen. Außerdem bot die App eine zu große Auswahl. „Die Testpersonen fühlten sich von unserem Angebot überfordert.“

Dank dieser Erkenntnisse fährt er jetzt ein völlig anderes Konzept: Kunden stellen auf der Unternehmenswebseite ihre eigenen Anleitungen und Videos ein, die anderen Häkel- und Strickfans als Vorlage dienen. Im Josephs hat Myboshi das dazu passende Anleitungsterminal getestet und weiterentwickelt.

Platziert im stationären Handel, ermöglicht das Terminal den Kunden, direkt die passenden Materialien zu kaufen. Die Wunschanleitung bekommen sie per Mail geschickt. Und im Blog tauscht die Community Erfahrungen aus.

 

Innovationen kostengünstig entwickeln

„Besonders wertvoll ist unser Kundenlabor für Firmen am Anfang der Produktentwicklungsphase“, erklärt Rebekka Schmidt, Produktverantwortliche Innovation Lab Science beim Josephs. Denn Fehlinvestitionen bei der Entwicklung können so vermieden werden. Diese Erfahrung machte auch Daniel Schmid, Head of Lab bei Moovel.

Die Mobilitäts-App bündelt eine Vielzahl von Angeboten, etwa vom Carsharing-Anbieter Car2go, von der Deutschen Bahn, mytaxi, Anbietern von Mietfahrrädern und dem öffentlichen Personennahverkehr. Während Moovel gemeinsam mit der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) einen On-Demand-Shuttle-Service entwickelte, testeten sie den Service im Josephs.

Vorab wollten sie herausfinden, wie die Leistung beim Kunden ankommt, beispielsweise ob im Fahrzeug installierte Tablets, die Route und Anschlussverbindungen anzeigen, als Mehrwert wahrgenommen werden. „Wir hatten bei der Entwicklung gedacht, das sei ein gutes Feature, aber die Leistung wurde vom Kunden letztendlich gar nicht gewünscht“, sagt Schmidt. „Das frühzeitig zu erkennen, ist Gold wert.“

An dem Konzept des Josephs schätzt er: „Im Gegensatz zu einem künstlichen Labor stolpert hier wirklich der Querschnitt der Bevölkerung herein.“

 „Die Menschen, die zu uns kommen, sind intrinsisch motiviert und haben wirklich Lust, ihr Feedback zu geben.“

Rebekka Schmidt, Innovationslabor Josephs

Vier bis sechs Unternehmen testen permanent im sogenannten Living Lab ihre Innovationen. Wie genau die jeweilige Forschungsinsel aussehen wird, erarbeiten die Firmen gemeinsam mit dem Josephs-Team in einem halbtägigen Workshop. Entwickelt werden explizite Forschungsfragen, grundlegende Annahmen, welche Aspekte ein- oder auszuschließen sind und wie das eigentliche Testszenario aussieht.

„Das kann ein Rollenspiel mit Studenten sein, um beispielsweise einen Service zu testen. Oder auch eine nachgebaute Frühstückskulisse, um den Test einer Finanz-App realistischer zu gestalten“, erklärt Rebekka Schmidt.

 

Stärken und Schwächen werden sichtbar

In der Regel frequentieren rund 3.000 Passanten während einer dreimonatigen Testlaufzeit das Innovationslabor. Etwa 1.500 Personen geben pro Testinsel ihr Feedback. „Die Besucher werden von unseren Guides durch die Themenwelt geführt“, sagt Schmidt. Jeder darf testen und die Produkte nach seinen individuellen Kriterien beurteilen.

Niemand arbeitet einen Fragenkatalog mit ihm ab. „Die Menschen, die zu uns kommen, sind intrinsisch motiviert und haben wirklich Lust, ihr Feedback zu geben und neue Ideen zu entwickeln. Wir nennen sie deshalb auch Co-Kreatoren.“

Verbraucher und Entwickler würden zu einem Team – und Stärken und Schwächen eines Produkts sehr schnell sichtbar. Davon profitierte auch die DaThera Consumer Health GmbH. Ihr mobiles Schlafkonzept Goodn8, das eine dehnbare Matratze mit einem geteilten Lattenrost und einem Motor vereint, kam zwar bei den Probanden super an, hatte jedoch einen kleinen Schönheitsfehler:

„Das Bandscheibenbett sorgt dafür, dass die Wirbelsäule immer wieder sanft gestreckt und somit entlastet wird. So werden Verkrampfungen gelöst und nichtspezifische Rückenschmerzen bekämpft“, erklärt Geschäftsführer Christian Salm. Bevor das Produkt als Medizinprodukt zertifiziert werden sollte, ging es im Josephs in die Testphase.

Nachdem sich mehr als 500 Personen auf das Bett gelegt hatten, kristallisierte sich heraus: „Die Phase der Rückführung wurde von einigen als etwas unangenehm empfunden. Das war eine wichtige Erkenntnis für uns!“, sagt Salm. Schließlich würde das später potenzielle Kunden vom Kauf abhalten.

Die Phase, in der Matratze und Schläfer von der Streckung wieder in den Normalzustand gefahren werden, habe DaThera daraufhin so sehr verlangsamt, dass sie kaum noch wahrnehmbar sei, erklärt Salm. Neue Produkte würde er jederzeit wieder im Josephs testen. „Gerade für kleinere Unternehmen ist das eine äußerst effektive Methode, um an sehr viele Informationen über den eigenen Prototypen zu kommen.

So bringen Unternehmen ihre Ideen ins Innovationslabor

Briefing und Forschungsdesign: Mindestens acht Wochen vor Eröffnung der Forschungsinsel im Innovationslabor entwickelt das Josephs-Team gemeinsam mit dem Unternehmen das Forschungsdesign der Insel. Unternehmer müssen beantworten, welche grundlegenden Annahmen sie treffen, welche Aspekte ein- oder auszuschließen sind und wie das Testszenario aussehen soll.

 

Dreimonatige Testphase: Geeignet ist alles, was physisch getestet werden kann – entweder als Mock-up, als Prototyp aus Pappe oder auch als Rollenspiel. Nach zwei Wochen wird ein Qualitätscheck durchgeführt und abgeglichen, ob die Antworten der Besucher den Fragen des Unternehmens entsprechen, um mögliche Anpassungen vorzunehmen.

 

Ergebnisse und Empfehlungen: Die rund 3.000 Besucher, die das Josephs während der dreimonatigen Testphase frequentieren, geben nicht nur wertvolle Antworten auf die definierten Fragen zum Produkt. Sie benennen auch viele Punkte, an die Unternehmen vorab gar nicht gedacht haben. Mit Projektabschluss wird das Feedback analysiert, ausgewertet und den Unternehmen für die nächsten Schritte ihres Innovationsprozesses zur Verfügung gestellt.