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Betriebliche Betreuungseinrichtungen helfen, Fachkräfte ins Unternehmen zu holen und sie zu halten.

 

Das Einkaufsbüro Deutscher Eisenhändler (EDE) hat groß gedacht. Vor knapp fünf Jahren eröffnete das rund 1.000 Mitarbeiter große Familienunternehmen einen eigenen Betriebskindergarten – die EDEfanten. In dem Neubau auf dem Wuppertaler Firmengelände werden 45 Kinder in drei Gruppen betreut.

Öffnungszeiten zwischen sieben und 17 Uhr und – bis auf die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr – ohne Ferienschließzeiten. Mit verschiedenen Angeboten zur Frühförderung und gesundem Essen. Innen Parkett, oben drauf ein Grasdach, draußen eine eigene Wasserspielanlage. Investitionssumme: 2,5 Millionen Euro.

Geld, das offenbar gut angelegt ist. Das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) hat herausgefunden: Investitionen in Familienfreundlichkeit rechnen sich. Das BMFSFJ beziffert ihre Rendite auf bis zu 25 Prozent. Bis zu 40 Prozent sind es sogar, wenn gleichzeitig die Unternehmenskultur angepasst wird.

Betriebliche Kinderbetreuung sorgt nicht nur dafür, dass Eltern mit kleinen Kindern schneller wieder in den Beruf zurückkehren können. Sie unterstützt auch bei Fachkräftemangel. „Die EDEfanten helfen uns in einer Arbeitsmarktsituation, in der es schwierig ist, Fachkräfte zu finden und zu halten“, sagt EDE-Geschäftsführer Ferdinand von Alvensleben.

 

Dienstleister für betriebliche Kinderbetreuung

Mit der Konzeption und Umsetzung der Kita hat das EDE Kita Concept beauftragt – einen Spezialisten für betriebliche Kinderbetreuung, zu dessen Kunden die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), die Deutsche Bahn und Vaillant zählen.

Das 2006 gegründete Unternehmen hat alle Aufgaben rund um die EDEfanten übernommen, von der ersten Bedarfsermittlung mittels einer anonymisierten Mitarbeiterbefragung. Im Oktober 2014 wurde die Kita eröffnet und wird von Kita Concept betrieben.

Zu den Aufgaben des Dienstleisters zählte auch, sich um die Beschaffung von Fördergeldern zu kümmern – nicht immer ein leichtes Unterfangen. „Die Fördermöglichkeiten sind regional sehr unterschiedlich“, sagt Tim Seidel, Geschäftsführer von Kita Concept. Ansprechpartner sei das örtliche Jugendamt. Damit Gelder flössen, müsse die geplante Kita in die Bedarfsplanung der Kommune passen.

Und: „Manche Städte fördern nur, wenn auch Kinder aus dem Stadtteil aufgenommen werden.“ So sind 25 Plätze bei den EDEfanten Belegplätze für das Unternehmen, die übrigen Plätze vergibt die Stadt. Die Betreiber erhalten von der Stadt eine Förderung pro Kind.

Das EDE hat die Investitionskosten getragen und übernimmt die jährlichen Betriebskosten des Gebäudes. Für das Unternehmen nicht nur wegen der Förderung ein reizvolles Modell: „Wir liefen nie Gefahr, dass Plätze frei bleiben“, sagt Geschäftsführer von Alvensleben.

 

Lösungen für kleinere Betriebe

Leerstände – kein abwegiger Gedanke. „Kinder entwachsen dem Kita-Alter in wenigen Jahren“, gibt Prof. Dr. Irene Gerlach zu bedenken. Sie ist Leiterin des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik in Münster und empfiehlt, regelmäßig die Bedürfnisse der Mitarbeiter abzufragen: „Betriebskitas sind sehr aufwendig. Sie lohnen sich nur für größere Unternehmen, in denen immer wieder Mitarbeiter im Alter einer Familiengründung hinzukommen.“

Kleineren Betrieben rät sie eher, sich Belegplätze in bereits existierenden Kitas zu sichern, neue Tagesstätten im Verbund mit anderen Firmen zu schaffen und sogenannte Großtagespflegestellen aufzubauen.

Auf Letzteres hat sich die Sira Projekte GmbH aus München spezialisiert. Die Mini-Kitas, wie Geschäftsführer David Siekaczek sie nennt, eigneten sich insbesondere für Mittelständler: „Als mittleres Unternehmen kann ich sie allein umsetzen, als kleinerer Betrieb kann ich mit anderen kooperieren.“

 

Großtagespflegestellen: So funktioniert die Mini-Kita

Das Konzept: Zwei Tagespflegepersonen betreuen bis zu acht Kinder – maximal zehn, wenn mindestens eine davon eine pädagogische Fachkraft ist. Die Vorteile: „Mit einer Einmalinvestition von 60.000 bis 120.000 Euro fallen Mini-Kitas günstiger aus als herkömmliche Einrichtungen“, sagt Siekaczek. „Auch die behördlichen Auflagen sind weniger streng.“

Trotzdem fließen Fördergelder. Siekaczek nennt das Beispiel Nordrhein-Westfalen: „Aktuell fördert NRW sehr großzügig: Bis zu 90 Prozent der zuwendungsfähigen Umbaukosten – also alle Kosten, die entstehen, um die Großtagespflege in Betrieb zu nehmen – werden übernommen.“

Die Betriebskostenförderung durch Kommune und Bundesland betrage in den meisten Fällen 70 bis 80 Prozent. Die Förderung betrieblicher Kinderbetreuung könne sich ändern, warnt Expertin Gerlach. Die Mittel stammen teilweise aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF), dessen Überarbeitung voraussichtlich in diesem Herbst abgeschlossen sei.

 

Werbung fürs Unternehmen

Bevor ein neues Projekt startet, fragt Siekaczek die verfügbaren Mittel beim zuständigen Jugendamt ab. So auch für die Audi Business Innovation GmbH, die zu seinen Kunden zählt. Das Unternehmen beschäftigt circa 200 Mitarbeiter an vier Standorten in der Münchner Innenstadt – Durchschnittsalter 35 Jahre.

50 Prozent der Führungskräfte sind weiblich, die Belegschaft besteht zu zwei Dritteln aus IT-lern. „Wir werben bewusst damit“, sagt Katja Henning, die in der Unternehmenskommunikation der Audi-Tochter arbeitet. Die Standorte im Herzen Münchens würden zwar Fachkräfte anziehen. „Aber die Betreuungssituation vor Ort ist sehr angespannt.“

Aktuell sind zehn Kinder zwischen ein und drei Jahren in der Mini-Kita untergebracht. Sie liegt in der Nähe der Standorte, zentral in einem ehemaligen Wellness-Studio. Die Immobilie musste umgebaut werden, die Audi Business Innovation investierte einen hohen fünfstelligen Betrag.

Die Stadt übernahm  jeweils 12.500 Euro Umbau- und Ausstattungskosten und schießt etwa 80 Prozent der Betriebskosten zu. Von der Idee bis zur Eröffnung zog ein Jahr ins Land. „Einige Kollegen haben keinen anderen Platz gefunden und sind jetzt sehr erleichtert“, sagt Henning.

Auch die Wuppertaler EDEfanten erfreuen sich großer Beliebtheit. Annika Destino arbeitet als kaufmännische Angestellte beim EDE, ihre Zwillinge gehen mittlerweile zur Grundschule. Den Kontakt zur Kita halten sie: „Meine Söhne lieben ihre ehemaligen Betreuerinnen“, sagt Destino. „Sie besuchen sie noch immer regelmäßig.“

 

Mini-Kita

Wer zahlt was? Kosten- und Aufgabenverteilung am Beispiel der Sira Projekte GmbH:

 

Unternehmen: Zahlung von Investitionspauschale und Projektmanagementgebühr (einmalig) sowie Platzpauschale (monatlich) an Sira.

Kommune: Investitionskostenzuschuss für Bau und Ausstattung (einmalig) an Sira.

Eltern: Mitarbeiter mit Kindern zahlen Elterngebühr (monatlich) an das zuständige Jugendamt.

Jugendamt: Betriebskostenförderung (monatlich) an Sira.

Sira: Betrieb der Mini-Kita (inklusive Catering, Reinigung, Sachkosten, Personalkosten, Verwaltungsanteil, Miete und Nebenkosten).