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Creditreform

Weniger als ein Drittel der Deutschen hinterlässt ein Testament und verlässt sich damit auf die gesetzliche Erbfolge. Ein noch geringerer Anteil ordnet eine Testamentsvollstreckung an. So vergeben viele Erblasser die Chance, ihren Willen über den Tod hinaus umzusetzen.

Die Autoren:

Dr. Burkhard Bamberger ist Professor im Strategy, Finance & Innovation Department der ISM International School of Management in Dortmund

Karl A. Niggemann ist Geschäftsführer des Instituts für Wirtschaftsberatung Niggemann & Partner in Meinerzhagen

© Tom Werner/Getty Images

Insbesondere bei der Vererbung von Unternehmensbeteiligungen kann eine Testamentsvollstreckung die Handlungsfähigkeit erhöhen und die Risiken begrenzen. Eine Vielzahl von Beiträgen zur Nachlass- und Nachfolgeplanung bei Familienunternehmen konzentriert sich auf die juristische Beurteilung der erbschafts-, steuer- und gesellschaftsrechtlichen Konsequenzen. Nachfolgend werden die Grundlagen der Testamentsvollstreckung gelegt, die Besonderheiten im Unternehmensbereich beschrieben und die Anforderungen an einen Testamentsvollstrecker abgeleitet.

 

Grundlagen

Die Anordnung einer Testamentsvollstreckung ermöglicht dem Erblasser eine Einflussnahme über den Tod hinaus. Die Ziele sind häufig eine Vereinfachung der Abwicklung, die gesicherte Erfüllung von Vermächtnissen und die professionelle Umsetzung des Erblasserwillens.

Dies kann zum Schutz der Erben erfolgen, insbesondere von Minderjährigen oder geschäftsunerfahrenen Personen, zum Schutz des Erbes vor der Nachlässigkeit der Erben (Rabback 2020, S. 374) oder wenn Konflikte zwischen den Erben, insbesondere bei komplizierten Familienkonstellationen, zu erwarten sind (Kirchdörfer und Sarholz 2012, S. 301).

Insbesondere bei der Dauertestamentsvollstreckung im Unternehmensbereich ist die „Perpetuierung des Erblasserwillens“ (Mayer und Bonefeld 2015), das heißt, die Einflussnahme auf zukünftige Entscheidungen, eine wichtige Motivation für die Anordnung der Testamentsvollstreckung.

Die Erben sind Inhaber der mit dem Nachlass verbundenen Rechte. Allerdings werden sie während der Testamentsvollstreckung von der Ausübung dieser Rechte ausgeschlossen.

Damit genießt der Testamentsvollstrecker auch den Erben gegenüber eine starke rechtliche Stellung (Bettecken 2015, S. 223). Der Erblasser überträgt dem Testamentsvollstrecker ein privates Amt, das die Verwaltungs- und Verfügungsrechte über den Nachlass umfasst. In der Ausübung dieser Rechte ist er ausschließlich dem wohlverstandenen Erblasserwillen verpflichtet und an Weisungen der Erben nicht gebunden.

Aufgrund dieser Machtfülle ist die sorgfältige Auswahl einer geeigneten Person entscheidend. Wichtige Kriterien sind das Vertrauen des Erblassers, Respekt und Durchsetzungsstärke, Kenntnisse wirtschaftlicher und rechtlicher Zusammenhänge, sowie ausreichend Zeit, die vollumfängliche Erledigung der Aufgaben während der Dauer der Testamentsvollstreckung sicherzustellen.

Als Korrektiv für die rechtlich privilegierte Stellung des Testamentsvollstreckers gegenüber den Erben dienen die Pflichten als Treuhänder und Inhaber eines persönlichen Amtes. Das gesetzliche Schuldverhältnis zwischen Erben und Testamentsvollstrecker verpflichtet zu sorgfältiger und gewissenhafter Ausführung der ihm obliegenden Aufgaben.

Maßstab für die Führung des Amtes ist allein der Wille des Erblassers. Der Testamentsvollstrecker steht nicht unter der Aufsicht des Nachlassgerichts; allerdings haftet er persönlich bei vorsätzlichen oder fahrlässigen Pflichtverletzungen gegenüber Erben, Vermächtnisnehmern oder Dritten, da zwischen dem Testamentsvollstrecker und den Erben ein gesetzliches Pflichtverhältnis eigener Art besteht (Graf 2019, S. 360 – 362).

Die Anordnung der Testamentsvollstreckung ist eine testamentarische Verfügung von Todes wegen, die ausschließlich der Erblasser veranlassen kann. Die Ernennung des Testamentsvollstreckers erfolgt durch den Erblasser selbst oder durch einen von ihm ermächtigten Dritten. Nach Annahme des Amtes beginnt die Verfügungs- und Verpflichtungsbefugnis des Testamentsvollstreckers über den Nachlass.

Der gesetzliche Regelfall ist die Abwicklungsvollstreckung. Dem Testamentsvollstrecker obliegt die Umsetzung der letztwilligen Anordnungen des Erblassers, die Auseinandersetzung des Nachlasses und die Erfüllung der Nachlassverbindlichkeiten. Ist der Nachlass abgewickelt, endet diese Form der Testamentsvollstreckung automatisch.

In einfachen Fällen, wenn der Nachlass wenige Vermögensgegenstände umfasst, zu denen eindeutige Verfügungen getroffen wurden und eine kleine Anzahl unstrittiger Erben die Auseinandersetzung unterstützen, ist die Abwicklungsvollstreckung unkompliziert und in wenigen Wochen beendet.

Wurde dagegen Dauertestamentsvollstreckung angeordnet, folgt nach Erledigung der zugewiesenen Aufgaben die Nachlassverwaltung bis zu der festgelegten Höchstdauer der Testamentsvollstreckung. Sind beispielsweise Erben eines Unternehmers noch minderjährig, sollen aber nach dem Willen des Erblassers die Nachfolge antreten, verwaltet der Testamentsvollstrecker das Unternehmen möglicherweise über viele Jahre.

Dauertestamentsvollstreckungen im Unternehmensbereich haben vielfältige Besonderheiten und erfordern beim Testamentsvollstrecker zusätzliche Kenntnisse und Fähigkeiten.

 

Besonderheiten im Unternehmensbereich

Die meisten mittelständischen Unternehmen in Deutschland sind als GmbH und GmbH & Co. KG organisiert. Die Anordnung einer Testamentsvollstreckung in Form einer Abwicklungs- oder Dauertestamentsvollstreckung oder zur Umsetzung von Auflagen und Teilungsanordnungen ist im Unternehmensbereich generell zulässig (Flesner 2011).

Der Erblasser kann Testamentsvollstreckung auf den gesamten Nachlass oder nur auf die Geschäftsanteile anordnen (Bettecken 2015, S. 222). Bei der Umsetzung des Erblasserwillens ist allerdings zu berücksichtigen, dass Handels- und Gesellschaftsrecht Vorrang vor dem Erbrecht haben (Kögel 2020, S. 392).

Dies ist bei Abwicklungsvollstreckungen in der Regel unkritisch, da der Testamentsvollstrecker nur für eine kurze Zeit und nicht unternehmerisch tätig wird. Dagegen ist die Zulässigkeit und Praktikabilität der Dauer- oder Verwaltungstestamentsvollstreckung rechtsformabhängig.

Der Testamentsvollstrecker darf weder ein Handelsgeschäft noch eine verwaltende Vollstreckung an der Beteiligung eines persönlich haftenden Gesellschafters betreiben. Dies ergibt sich aus der engen Verbindung zwischen der Gesellschafter- und Geschäftsführungsfunktion bei Personengesellschaften (personalistisches Element) und der Inkompatibilität von handels- und erbrechtlicher Haftungsregelungen bei Einzelkaufleuten und persönlich haftenden Gesellschaftern.

Während diese unbegrenzt mit dem gesamten Privatvermögen haften, kann der Testamentsvollstrecker für die Erben lediglich Nachlassverbindlichkeiten begründen und damit die Haftung beschränken. Dies ist wegen des Vorrangs des Handelsrechtes nicht zulässig (Mayer 2009, S. 224).

Damit ist bei einzelkaufmännischen Unternehmen oder einer persönlich haftenden Beteiligung eine verwaltende Testamentsvollstreckung nicht zulässig (Mayer 2009, S. 91). Wurden bei einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts keine abweichenden Regelungen getroffen, führt der Tod eines persönlich haftenden Gesellschafters zur Auflösung der GbR.

Bei einer OHG, Partnergesellschaft oder KG wird die Gesellschaft ausschließlich mit den verbleibenden Gesellschaftern fortgeführt. Eine Vererblichkeit ist lediglich bei Kommanditanteilen gegeben (Mayer 2009, S. 79), da gemäß § 177 HGB die Kommanditgesellschaft mangels abweichender vertraglicher Bestimmungen mit den Erben fortgesetzt wird.

Allerdings werden die gesellschaftsvertraglich zugelassenen Erben im Wege der Sondererbfolge Gesellschafter und nicht eine etwaige Erbengemeinschaft. Ist kein Erbe satzungsgemäß zugelassen, wird lediglich ein etwaiger Abfindungsanspruch (§ 738 BGB) Teil des Nachlasses (Flesner 2011).

 

Abwicklungsvollstreckung und Unternehmensverkauf

Hat der Erblasser Testamentsvollstreckung über seine Beteiligung an einer Kapitalgesellschaft angeordnet, ist bei einem eindeutig formulierten Testament die Feststellung des Auseinandersetzungsplanes und die Nachlassteilung unkritisch.

Entfallen mit dem Erblasser allerdings die unternehmerische Triebfeder und ein aktiver Geschäftsführer, ist der Wert des Unternehmens, möglicherweise sogar dessen Fortbestand, gefährdet (Fahrenschon et al. 2016, S. 425).

Entsteht oder verschlimmert der Tod des Unternehmers ein Nachfolgeproblem oder eine Unternehmenskrise, ist häufig der schnelle und professionelle Verkauf des Unternehmens ein geeigneter Ansatz, um die Vermögensposition der Erben zu schützen und Liquidität bereitzustellen.

Liquiditätsbedarf resultiert nicht nur aus der erbschaftsteuerlichen Belastung, sondern auch aus möglichen Pflichtteils- oder Zugewinnausgleichsansprüchen. Unternehmerische Beteiligungen sind illiquide Vermögenswerte, die mit dem gemeinen Wert anzusetzen sind und trotz etwaiger Verschonungsregelungen häufig beträchtliche Steuerkonsequenzen auslösen (Niggemann 2020).

Durch die Monetarisierung der Unternehmensbeteiligung und die Diversifikation der Erlöse wird die Risikoposition der Erben verbessert. Hierzu ist die Verkaufsbereitschaft der Erben und Gesellschafter herbeizuführen. Unterschiedliche Zielsetzungen, Rahmenbedingungen und Wertvorstellungen der Erben können einen Unternehmensverkauf blockieren.

Durch die Anordnung der Testamentsvollstreckung wird Handlungsfähigkeit herbeigeführt, da der Testamentsvollstrecker die Verwaltungsrechte über die Anteile ausübt und den vom Erblasser verfügten Verkauf rechtssicher umsetzen kann.

Unabhängig von der Unternehmensgröße ist die professionelle Durchführung des Unternehmensverkaufes wichtig, um die Abschlusswahrscheinlichkeit zu erhöhen, den Preis zu maximieren und eine Minimierung kaufvertraglicher Risiken zu erreichen.

Die hierfür erforderlichen speziellen Kompetenzen sind meist nicht im Unternehmen verfügbar und erfordern externe Unterstützung durch M&A-Berater, Juristen, Steuerexperten und Wirtschaftsprüfer. Diese sollten Transaktionserfahrung in ähnlichen Projekten gesammelt haben. Es ist kritisch zu prüfen, ob die bisherigen Berater in der Lage sind, die diese Anforderungen zu erfüllen. Dem Testamentsvollstrecker obliegt die Auswahl, Mandatierung und Führung der Berater.

Der Geschäftsführung der operativen Gesellschaft kommt im Verkaufsprozess unterstützende, aber keine steuernde Funktion zu. Ihr Hauptbeitrag besteht in der Bereitstellung, Aufbereitung und Präsentation verkaufsrelevanter Informationen. Für die Geschäftsführung und Führungskräfte ist der Testamentsvollstrecker wichtiger Ansprechpartner während des Verkaufsprozesses.

Die Auswahl möglicher Kaufinteressenten ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor, da die Bewertung des Verkaufsobjektes von der Kompatibilität mit dem Erwerber abhängt. Direkte Wettbewerber haben häufig große Synergiepotenziale durch die Übernahme und damit potenziell eine höhere Zahlungsbereitschaft.

Die finale Auswahl der anzusprechenden Erwerberkandidaten sollte vom Testamentsvollstrecker getroffen werden, da die Beurteilung der Berater und der Geschäftsführung möglicherweise von Ziel- und Interessenskonflikten geprägt ist.

Die Gespräche und Verhandlungen mit potenziellen Interessenten sollten einer im Vorfeld mit dem Testamentsvollstrecker abgestimmten Strategie folgen und in einer strukturierten Entscheidungsgrundlage münden, die eine qualifizierte Beurteilung der wirtschaftlichen, steuerlichen und rechtlichen Konsequenzen ermöglicht.

Maßstab für die Entscheidung des Testamentsvollstreckers ist ausschließlich der wohlverstandene Erblasserwille. Die Erben haben ein umfassendes Informationsrecht, aber keine eigenständige Entscheidungsbefugnis über die Geschäftsanteile und die Konditionen eines möglichen Verkaufes.

Die Abwicklungsvollstreckung endet automatisch mit dem Verkauf und dem nachfolgenden Vollzug des Auseinandersetzungsplans. Dies kann auch bei vergleichsweise kleinen Unternehmen mehrere Quartale dauern. Bei schwer verkäuflichen Unternehmen können mehrere Anläufe nötig werden, falls Kaufinteressenten in einem späten Verhandlungsstadium abspringen.

In der Zwischenzeit ist die erfolgreiche Fortführung des Unternehmens sicherzustellen, denn eine Verschlechterung der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage hat negative Auswirkungen auf Transaktionssicherheit, Kaufpreis oder Riskoverteilung zwischen Käufer und Verkäufer.

Deshalb ist es auch im Rahmen einer Abwicklungsvollstreckung wichtig, dass der Testamentsvollstrecker nicht nur beim Verkaufsprozess, sondern auch bei der unternehmerischen Entscheidungsfindung mitwirkt, wenn es sich um eigentümerrelevante Entscheidungen handelt oder die Zustimmung der Gesellschaftervertreter erforderlich ist. In derartigen Fällen sind langwierige Abwicklungsvollstreckungen und Dauertestamentsvollstreckungen hinsichtlich der Anforderungen an den Testamentsvollstrecker vergleichbar.

 

Dauertestamentsvollstreckung und Unternehmensfortführung

Liegt der Wille des Erblassers in der Fortführung des Unternehmens unter Aufrechterhaltung der personellen, organisatorischen, strategischen und finanziellen Charakteristika des Betriebes, dem Erhalt von Arbeitsplätzen oder der Aufrechterhaltung des Familieneinflusses (Olbrich 2014, S. 23), kann er zur Umsetzung dieser Verfügung Verwaltungsvollstreckung anordnen.

Im Rahmen der Dauertestamentsvollstreckung beginnt die Verwaltungsvollstreckung nach der Abwicklungsvollstreckung, die mit Erledigung aller Aufgaben aus dem Erbfall abgeschlossen ist. Die Verwaltungsvollstreckung, bzw. Dauertestamentsvollstreckung, endet mit der Erledigung der definierten Aufgaben, beispielsweise die Fortführung des Unternehmens, bis ein Familienmitglied die Unternehmensleitung übernimmt, spätestens jedoch nach 30 Jahren.

Dauertestamentsvollstreckungen werden zum Schutz der Erben oder als zeitliche Überbrückung gewählt, wenn die Erben erst in der Zukunft die Verwaltungsrechte vom Testamentsvollstrecker übernehmen sollen. Selbst wenn der Erblasser den Verkauf des Unternehmens verfügt, kann eine  Verwaltungsvollstreckung sinnvoll sein, um die Wahl des Verkaufszeitpunktes vom Todeszeitpunkt des Erblassers zu entkoppeln.

Damit obliegt es dem Testamentsvollstrecker, den Zeitpunkt des Verkaufs zu bestimmen. Durch die geschickte Wahl eines geeigneten Verkaufszeitpunktes können große Vermögenseffekte erzielt werden (Hennerkes 2004). Voraussetzung ist allerdings, dass es keine Liquiditätsrestriktionen gibt, die aus fälligen Steuerschulden oder Ausgleichsansprüchen resultieren.

Die Vorteilhaftigkeit dieser Vorgehensweise wird vom Geschick des Testamentsvollstreckers bestimmt. Allerdings korrespondieren die größeren Freiheitsgrade und Autonomie mit höheren Anforderungen an den Testamentsvollstrecker.

 

Anforderungen an den Testamentsvollstrecker

Die rechtliche Stellung des Testamentsvollstreckers in der Verwaltungsvollstreckung und der Vorstand einer Aktiengesellschaft sind in wichtigen Bereichen identisch: Beide treffen unternehmerische Entscheidungen, deren wirtschaftliche Konsequenzen Dritte betreffen.

Das Eingehen von Risiken ist erwünscht, denn nur dadurch lassen sich unternehmerische Chancen nutzen. Allerdings treffen Testamentsvollstrecker und Vorstände zukunftsbezogene Entscheidungen über fremdes Vermögen und sind dadurch Haftungsrisiken ausgesetzt. Diese wurden für Vorstände durch die Business Judgement Rule konkretisiert und mit Einführung des § 93 Ab. 1 Satz 2 AktG in deutsches Recht übernommen.

Danach ist keine Pflichtverletzung anzunehmen, wenn der Vorstand ex-ante, auf Basis angemessener Informationen zum Wohle der Gesellschaft handeln wollte. Dies begründet einen sicheren Hafen für die Pflichtmäßigkeit der unternehmerischen Entscheidung, unabhängig vom ex-post eingetretenen Erfolg oder Misserfolg. Ziel dieser Regelung ist es, dem Vorstand selbstständige Entscheidungsmacht, Unabhängigkeit und Risikobereitschaft zu ermöglichen. Rechtliche Grundlage hierfür ist bei Vorstand und Testamentsvollstrecker die Bestellung in ein Amt.

Dem Vorstand wird durch § 76 Abs. 1 AktG eine Führungsaufgabe zugewiesen, und auch dem Testamentsvollstrecker steht gesetzlich ein selbstständiger Ermessensspielraum zu. Diesen gilt es in der Praxis klarer zu definieren, um die rechtssichere Verwaltung von Fremdvermögen zu ermöglichen. Hierzu sollte die aktienrechtliche Business Judgement Rule explizit in das Recht der Testamentsvollstreckung übernommen werden (Bartsch 2010, S. 211).

Bei einer Dauertestamentsvollstreckung im Unternehmensbereich sind die Erben von der Verwaltung der Beteiligung ausgeschlossen. Der Testamentsvollstrecker übt wesentliche Beteiligungsrechte aus. Er überwacht beispielsweise die Geschäftsführung, erteilt bestimmten Arten von Geschäften Zustimmung, oder bestellt Geschäftsführer. Diese Aufgaben sind teilweise deckungsgleich mit der Rolle eines Aufsichtsrates in einer Aktiengesellschaft.

Der Corporate Governance Kodex enthält Grundsätze und Empfehlungen für Vorstand und Aufsichtsrat, damit die Gesellschaft im Unternehmensinteresse geführt wird, im Einklang mit den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft unter Berücksichtigung der Belange der Aktionäre, der Belegschaft und der sonstigen mit dem Unternehmen verbundenen Gruppen (Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex 2019).

In ähnlicher Weise beschreibt der Governance Kodex für Familienunternehmen die besondere Verantwortung der Inhaberfamilie, sich auf eine Weise zu organisieren, die eine zeitgemäße und nachhaltig erfolgreiche Unternehmensführung sicherstellt (May 2015).

Die gesetzlichen Mindestanforderungen an einen Testamentsvollstrecker, wie beispielsweise Geschäftsfähigkeit, reichen für die Auswahl eines geeigneten Kandidaten nicht aus. Deshalb werden auf Basis der einschlägigen Literatur im Bereich Testamentsvollstreckung sowie in Anlehnung an das Aktienrecht und die Governance Kodexe nachfolgende Kriterien vorgeschlagen, um Testamentsvollstrecker im Unternehmensbereich auszuwählen:

 

Wirtschaftlicher und rechtlicher Sachverstand

Unternehmerische Erfahrung umfasst die Fähigkeit, Geschäfte beurteilen zu können und die Faktoren für den Geschäftserfolg sowie die unternehmensspezifischen Chancen und Risiken und unternehmerisches Handeln erkennen und ebenfalls beurteilen zu können (Scheffler 2012, 28ff).

Die Grundlagen bilden betriebswirtschaftliches und juristisches Grundwissen mit tiefergehenden Kenntnissen im Bereich Rechnungslegung, Finanzen, Gesellschafts- und Steuerrecht. Darüber hinaus ist Erfahrung mit Unternehmenstransaktionen und Unternehmensbewertungen unerlässlich.

 

Personalkompetenz

Der nachhaltige Erfolg von Unternehmen wird maßgeblich durch die Qualität der Unternehmensleitung und wichtiger Spezial- und Führungskräfte beeinflusst. Diese ist durch Auswahl, Anstellung, laufende Überwachung, Beurteilung und gegebenenfalls Ablösung sicherzustellen.

Die korrespondierenden vertraglichen Regelungen wie beispielsweise Vergütung, Sonderzahlungen, Nebenleistungen oder Laufzeit sind angemessen, im Hinblick auf die Aufgaben, der persönlichen Leistung, der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens und des Branchenumfeldes, vom Testamentsvollstrecker festzulegen oder zu genehmigen.

 

Erfahrung in der Ausübung der Gesellschafterfunktion

Die strategische Ausrichtung des Unternehmens ist anhand der Ziele der Interessengruppen festzulegen und bei Veränderung der Rahmenbedingungen anzupassen. Die Unternehmensleitung erarbeitet und implementiert die Strategie und erörtert den Stand der Umsetzung und die Notwendigkeit von Strategieanpassungen mit dem Testamentsvollstrecker. Insbesondere in Krisenzeiten ist neben der beaufsichtigenden Rolle auch die Beratung der Unternehmensleitung von Bedeutung.

 

Vertrauensposition

Der Erblasser entscheidet, welche Person mit der Testamentsvollstreckung betraut werden soll. Da zukünftige Entscheidungssituationen kaum antizipierbar sind, und damit Weisungen und Auflagen nur begrenzte Einflussnahme über den Tod hinaus ermöglichen, ist das volle Vertrauen des Erblassers das entscheidende Auswahlkriterium.

Unabhängig davon ist Integrität und Standfestigkeit wichtig, um den Erblasserwillen auch gegen den Widerstand von Erben durchsetzen zu können. Weiterhin sollte die Person deutlich jünger sein als der Erblasser.

 

Unabhängigkeit

Unabhängigkeit bedeutet, dass die Aufgabenerledigung keine Interessenskonflikte mit Erben, Vermächtnisnehmern, Beratern, Mitgliedern der Unternehmerfamilie oder Funktionsträgern im Unternehmen begründet. Bietet der Erblasserwillen in einzelnen Fragen keine Orientierung, ist der Ermessensspielraum des Testamentsvollstreckers eingeschränkt, wenn Interessenskonflikte bestehen. Ziel ist es, eine objektive und neutrale Ausübung des Amtes zu gewährleisten.

 

Zeitliche Verfügbarkeit

Die Übernahme eines persönlichen Amtes und die pflichtgemäße Erledigung der Aufgaben erfordern einen hohen zeitlichen Einsatz und sind schwer planbar. In der Praxis stellt sich das Problem, dass ein Testamentsvollstrecker, der qualifiziert für die Aufgabe ist, in der Regel keine Zeit dazu hat, und die Personen, die die Zeit haben, nicht entsprechend qualifiziert oder zu alt sind (Rabback 2020, S. 375).

 

Fazit

Eine ungeregelte Nachlasssituation kann bei unternehmerischen Beteiligungen Vermögensschäden und Liquiditätsprobleme verursachen. Dieses Risiko kann durch eine gute Vorbereitung der Nachfolge- und Nachlassplanung sowie die Anordnung der Testamentsvollstreckung reduziert werden.

Sowohl bei der Abwicklungs- als auch Dauertestamentsvollstreckung im Unternehmensbereich ist jederzeitige Handlungsfähigkeit gegeben, da der Testamentsvollstrecker die Ausübung der Gesellschaftsrechte sicherstellt. Die Fortführung und ggf. der Verkauf des Unternehmens stellen hohe Anforderungen an den Testamentsvollstrecker, die in Teilbereichen mit der Vorstands- bzw. Aufsichtsratsrolle bei Aktiengesellschaften vergleichbar sind.

Die Anforderungskriterien betreffen wirtschaftlichen und rechtlichen Sachverstand, Personalkompetenz, Erfahrung in der Ausübung der Gesellschafterfunktion, Vertrauensposition, Unabhängigkeit und zeitliche Verfügbarkeit.

Literaturverzeichnis

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Fahrenschon, Georg; Kirchhoff, Arndt Günter; Simmert, Diethard B. (2016): Mittelstand – Motor und Zukunft der deutschen Wirtschaft. Erfolgskonzepte für Management, Finanzierung und Organisation /  Georg Fahrenschon, Arndt Günter Kirchhoff, Diethard B. Simmert. 1. Aufl. 2015. Wiesbaden: Springer Gabler.

 

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Rabback, Dieter E. (2020): Unternehmensnachfolge bei Tod des Unternehmers. In: Andreas Wiesehahn (Hg.): UNTERNEHMENSNACHFOLGE. Praxishandbuch für Familienunternehmen. [S.l.]: GABLER, S. 365–379.

 

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Scheffler, Eberhard (2012): Der Aufsichtsrat. Wirksame Überwachung der Unternehmensleitung. München: C.H. Beck (Beck kompakt).

 

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