Das Unternehmermagazin aus der Handelsblatt Media Group

Creditreform
Alexander Hoffmann und Heiko Schlabach

© Screwerk

Von Lüdenscheid aus revolutioniert Screwerk das Schraubengeschäft. Während etablierte Hersteller erst ab Mindestbestellmengen von mehreren Zehntausend liefern, verkaufen die Gründer Alexander Hoffmann und Heiko Schlabach sogar Einzelstücke. Möglich wird das mit einer Software, die alte Maschinen zu Hightech-Anlagen macht.

 

An guten Einfällen hat es Alexander Hoffmann und Heiko Schlabach nie gemangelt. Doch lange kamen sie damit nicht ans Ziel. Als Jugendliche starteten die beiden in ihrer Heimatgemeinde Halver im Sauerland eine Schülerzeitung. Doch schon nach einer Ausgabe war Schluss für die „Geil“ getaufte Publikation.

Später gründeten sie die Firma Greenmill, die ein Hochleistungs-Ultraschallsystem für Biogasanlagen vermarktete. Und sie legten mit Aquattro nach: einem gemeinsam mit Fraunhofer-Forschern ausgetüftelten Verfahren, das Klärschlamm in Wertstoffe zerlegt, statt ihn teuer zu entsorgen.

Beiden Startups blieb der Durchbruch verwehrt. Doch Hoffmann und Schlabach ließen sich nicht unterkriegen – und ihre jüngste Idee hat gefruchtet. Screwerk heißt das auf Schrauben für die Kunststoffmontage spezialisierte Unternehmen, das sie 2013 ins Leben riefen. Von Lüdenscheid aus liefern sie an Autobauer oder Hersteller von Medizintechnik und Unterhaltungselektronik.

 

Wachstum in der Nische

Das Produkt ist alles andere als neu, das Geschäftsmodell dagegen schon. Während klassische Hersteller ihre Anlagen erst anwerfen, wenn Zehn- oder Hunderttausende Schrauben geordert werden, liefert Screwerk die Teile sogar einzeln.

So besetzen die beiden Sauerländer eine Nische, die in der Branche stets als unrentabel angesehen wurde. Und in der sie rasch wachsen: 10.000 Kunden zählt das Unternehmen inzwischen. Seit 2016 stieg der Umsatz von zwei Millionen auf zuletzt mehr als zehn Millionen Euro. Und die Gründer wollen noch viel mehr.

 

Fertigung im Netzwerk

Die radikale Abkehr von bestehenden Fertigungsmustern bei sogenannten C-Teilen, also Schrauben, aber auch Federn oder Unterlegscheiben – das ist es, was Hoffmann und Schlabach vorschwebt. Dazu wollen sie keine eigenen Werke aufbauen, sondern bestehende Betriebe in ein Fertigungsnetzwerk einbinden.

Die Maschinen an den einzelnen Standorten steuert eine von Schlabach entwickelte Open-Source-Software namens „Graph“ – unter Berücksichtigung der Daten von vergangenen und aktuellen Bestellungen, des Lagerbestands sowie weiterer Marktdaten.

„Durchgängige Verfügbarkeit über alle Produktvarianten hinweg schafft Bedarf“, sagt Alexander Hoffmann. Es wird also nicht auf einen Auftrag gewartet, sondern im Voraus eine komplette Produktpalette produziert. Bei den Schrauben für Kunststoffe ist Screwerk inzwischen bei 12.000 Varianten gelandet, alle umgehend lieferbar – und das weltweit.

 

Komplexes Geschäftsmodell

Es ist ein komplexes Geschäftsmodell, auch ein Ergebnis der langen Freundschaft. Als Kinder gingen Hoffmann und Schlabach zusammen zur Grundschule, machten gemeinsam Abi. Während Schlabach in der Heimatstadt Halver blieb, zog es Hoffmann zum Jurastudium nach Frankfurt.

Es folgten ein MBA in Spanien und ein Marketing- und Vertriebsjob bei GE in Österreich. Später schloss er sich in London dem Startup Greengas an, das Emissionsprojekte für Kohlengruben entwickelte. „Als das Kyoto-Protokoll zusammenbrach, kollabierte auch das Geschäftsmodell“, sagt Hoffmann. Es ging zurück nach Halver.

Dort traf er wieder auf seinen Jugendfreund Schlabach. Der hatte die „Graph“-Software entwickelt, um den Webshop des elterlichen Industrieunternehmens zum Laufen zu bringen.

Zudem war er bei dem Schraubenhersteller Schriever für die IT verantwortlich – in Lüdenscheid, 15 Kilometer von Halver entfernt. Mit dem Segen seines Arbeitgebers baute er parallel ein eigenes Geschäft auf: „Heiko hat bei Schriever gesehen, dass ein Thema mit Kleinstmengen besteht“, erläutert Hoffmann. „Die wollten da aber selber nicht einsteigen. Dann hat er es in Eigenregie gemacht.“

Schlabachs Keller in Halver ist der Geburtsort von Screwerk. HS Robotics nannte er seinen Schraubenvertrieb. Doch es sollte noch dauern, bis daraus ein schnell wachsendes Startup entstand.

 

Suche nach Interessenten

Gemeinsam probierten sie es mit ihrem UItraschallsystem für Biogasanlagen. Die Technologie übernahm Hoffmann von der elterlichen Maschinenbaufirma, die sie für die Rohöl-Entschwefelung eingesetzt hatte. Nun sollte per Ultraschall Biogassubstrat aufgespalten werden, um den Energieertrag zu erhöhen.

„Wir hingen am Einspeisetarif – und als der immer mehr sank, war es das“, erinnert er sich. Das Verfahren zur Behandlung von Klärschlamm konnte auf einer Pilotanlage mittlerweile demonstrieren, dass aus dem Reststoff ein Wertstoff werden kann.

Derzeit suchen die Gründer nach Interessenten für die Technologie. „Ich halte das Verfahren für revolutionär“, sagt Hoffmann. „Aber die Branche ist so starr, dass wir als kleines Startup das Risiko nicht managen konnten.“

 

Vertriebspower mit Onlineplattform

Gelingen sollte die Revolution erst im Schraubengeschäft. Schon einiges Geld war verbrannt – und Hoffmann ging mit Schlabach für Screwerk aufs Ganze: „Wir hatten noch eine Patrone“, sagt er.

Sie gingen zu Schriever, Schlabachs früherem Arbeitgeber und bestellten 4.000 Sorten Schrauben, durchgängig in verschiedenen Größen und Formen. Eine Onlineplattform sollte die nötige Vertriebspower bringen.

„Wir mussten jeweils die Mindestbestellmenge nehmen – Zehntausende bis Hunderttausende pro Sorte“, sagt Hoffmann. So wurden die zwei Besitzer von 300 Millionen Schrauben. Drei Jahre lang dauerte es, bis die Fertigung abgeschlossen war. „Das war äußerst anspruchsvoll“, sagt er. „Es war für uns eine Riesenwette.“

 

Erfolg als Lückenbüßer

Doch die Kunden kamen. Etwa Ingenieurbüros, die Prototypen entwickeln. Oder Hersteller, die kleine Serien testen. Außerdem Schraubenhändler, die selbst keine Vorräte in dieser Dimension aufbauen wollen.

Selbst Schraubenhersteller ordern bei Screwerk. „Sie können so Aufträge bedienen, die ihre Mindestlosgröße unterschreiten.“ Weltmarktführer Würth zählt ebenfalls zu den Abnehmern.

„Wir sind keine Gefahr“, sagt Hoffmann. „Wenn Prototypen in Großserie gehen, dann gehen die Aufträge wieder an die klassischen Schraubenhersteller.“ Screwerk ist Lückenbüßer mit Leidenschaft.

Vom Keller in Schlabachs Haus wechselten die Gründer zunächst in eine Garage, die bald aus allen Nähten platzte. Sie kauften eine stillgelegte Näherei in Halver, einst spezialisiert auf Karnevalsartikel – vor allem wegen des noch intakten Hochregallagers.

„Etwas verbaut, aber ganz praktisch“, sagt Hoffmann. 2017 wagten sie den Sprung nach Lüdenscheid – erwarben eine alte Leuchtenfabrik, um in die Schraubenproduktion einzusteigen. „Wenn wir das verstehen wollen, müssen wir es selber gemacht haben“, erklärt Hoffmann.

Ohne Architekt und unterstützt von ihren Ehefrauen sowie ein paar angeheuerten Bauarbeitern, brachten sie den heruntergekommenen Bau auf Vordermann.

 

Digital mit alten Anlagen

Die erste Schraubenpresse, Baujahr 1962, bekamen sie für 5.000 Euro. Auch ein Produktionsleiter eines Lüdenscheider Traditionsherstellers heuerte bei Screwerk an.

„Der hat uns gezeigt, wie man so eine Maschine überhaupt bedient“, sagt Hoffmann. Zudem wurde die Herde Diethard Schrauben- und Metallwarenfabrik im nahegelegenen Plettenberg übernommen, ein Drei-Mann-Betrieb. „So haben wir gelernt, wie man Schrauben produziert“, sagt Hoffmann.

Ein Ausflug ins klassische Geschäft der Herstellung großer Stückzahlen von Nieten erwies sich als schwierig. Screwerk übernahm 2018 in Haan nahe Solingen einen 35-Mitarbeiter-Betrieb, den der Verbindungstechnik-Hersteller Möhling abstoßen wollte.

„Screwerk rettet Uralt-Standort und digitalisiert Produktion“, schrieb die „Westfalenpost“: „Ein Glück für die 35 Mitarbeiter.“ „Wir hatten gedacht, dass wir die Organisation transformieren können – ging aber nicht“, sagt Hoffmann.

Die nach Wuppertal verlagerte und komplett modernisierte Fabrik machten die Screwerk-Chefs nach wenigen Monaten wieder dicht. „Das hat uns die Haare vom Kopf gefressen“, sagt Hoffmann. „Wir probieren Dinge, aber wir ziehen die Bremse, wenn es nicht klappt.“

 

Digitale Produktion mit alten Anlagen

Mit den Maschinen aus Haan wagt Screwerk nun in Hagen einen neuen Versuch. Dazu werden sie mit Sensoren und Monitoren bestückt.

Auf 5.000 Quadratmetern entsteht so eine Entwicklungsfabrik. Hoffmann und Schlabach wollen demonstrieren, wie digitale Produktion mit alten Anlagen funktioniert.

Gesteuert wird das Ganze mit der Graph-Software. Sie legt fest, welche Schrauben eine Maschine produziert, um die Arbeit möglichst effizient zu gestalten.

Die Arbeiter sind allein für das schnelle Umrüsten zuständig. „Andere Unternehmen sollen die Software dann einsetzen und für uns produzieren.

Sämtliche Unternehmensbereiche wie die Auftragsabwicklung oder der Versand werden ohnehin schon durchgängig über den Graphen gesteuert“, sagt Hoffmann.

 

Virtuelles Unternehmen

Selbst die eigene Produktion in Lüdenscheid muss langfristig nicht unter dem Dach von Screwerk bleiben. Wenngleich sie im Firmenverbund wichtige Blaupause für andere Hersteller bleibe. Diese sollen sich an Screwerk andocken, das so mehr und mehr zu einer virtuellen Plattform für Schraubensortimente würde.

„Alte Maschinen sind sogar einfacher zu vernetzen, weil sie keine elektronische Steuerung haben“, sagt Hoffmann. Ein erster Partner steht mit Möhling bereit, der seine Werkbank-Produktion in Slowenien einbinden will. Es soll auch ein Einsatz für den Standort sein. „Wir wollen den Märkischen Kreis als Schrauben-Cluster wettbewerbsfähig halten.“

 

Trend zur Tech-Firma

Die Idee hat gezündet, doch die beiden Gründer sind längst nicht zufrieden. „Wir wollen Hunderttausende Sorten bieten – und Screwerk zum Inbegriff der Schraube machen“, sagt Hoffmann.

Selbst damit wäre das Unterfangen noch nicht am Ziel. Weitere Hersteller von C-Teilen über Schrauben hinaus sollen sich später über die Open-Source-Software mit ihren Feder- oder Unterlegscheiben-Werken in das Netzwerk einklinken.

Eine mächtige Tech-Firma könnte entstehen, die zwar die Vertriebsplattform bietet – aber selbst keine einzige Maschine besitzt. Einen Arbeitstitel für sie gibt es schon: C-Werk. „Wir haben schon einmal hoch gewettet“, sagt Hoffmann. „Das ging glatt.“ Für die nächste Wette haben die beiden Gründer nun nachgeladen.

 

Freie Software für die vernetzte Produktion

Das ganze Unternehmen mit nur einer Software steuern – von der Logistik über die Produktion bis hin zur Buchhaltung: Genau das leistet der „Graph“, den Screwerk-Geschäftsführer Heiko Schlabach entwickelt hat. Die Software ist das technische Herzstück des Unternehmens. Die Open-Source-Lizenz für das Programm haben Schlabach und Mitgründer Alexander Hoffmann in eine Firma ausgelagert, die Graph-IT GmbH. Selbst beim Einstieg eines Investors bliebe sie damit frei verfügbar. Die beiden Unternehmer sind sicher: Open Source ist der beste Weg, um eine durchgängig vernetzte Produktion zu erreichen. Das gilt nicht nur für den eigenen Betrieb. Über eine Schnittstelle sollen sich andere Hersteller künftig an den Graphen andocken können. Sie wählen Maschinen aus, die mit Digitaltechnik aufgerüstet und aus Lüdenscheid gesteuert werden – mit dem Rest produzieren sie weiter in Eigenregie für ihre Kunden.