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Man trifft sie in Vorstandsbüros und VIP-Zonen: Möbel der Marke Walter Knoll stehen seit Jahrzehnten für guten Geschmack. Und doch wackelte das Unternehmen. Markus Benz hat die Traditionsmarke revitalisiert – mit Gespür für Details und Blick fürs Ganze.

Markus Benz (Foto oben) ist ein gnadenloser Beobachter. Kabelsalat unter dem Schreibtisch im Vorstandsbüro? Abgewetzte Kunstlederstühle im Wartezimmer eines Top-Chirurgen? Fassungslos schüttelt der ganz in Schwarz gekleidete Mann den Kopf. „Viele Menschen denken nicht tief genug darüber nach, was ihr unmittelbares Umfeld kommuniziert“, sagt der Vorstand und Inhaber des Möbelherstellers Walter Knoll AG & Co. KG. „Oft widerspricht es sogar dem, was sie eigentlich tun und leisten.“

Möbel stiften Identität. Sie reden – unweigerlich und permanent. Und das nicht allein. Alles, was sie an Dekors und Technik umgibt, spricht mit. Markus Benz befindet sich an diesem Tag in einer hervorragenden Position: Er sitzt im vierten Stock in seinem gläsernen „Markenland“ im schwäbischen Herrenberg – dem Showroom – und ist umgeben von traumschönen Designklassikern mit perfekten Nähten, herrlichem Griff und ledernem Duft. Davor elegante Teppiche, echte Blickfänger. Inspiriert von afrikanischen Landschaften und geknüpft aus tibetischer Hochlandwolle, feiner chinesischer Seide und dem Garn der Brennesselfaser. Benz könnte auch still die Stücke für sich sprechen lassen. Seine Möbel, seine Werke. Unüberhörbare Botschaft: Wir haben Klasse.

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Akribische Kontrolle: Alle Materialien müssen strenge Prüfungen auf Haltbarkeit, Farbechtheit und Pflegeleichtigkeit überstehen. © Walter Knoll

Von der Stilikone zum geretteten Sanierungsfall

Zum Glück ist der 55-Jährige kein Schweiger. Und die einzigartige Walter-Knoll-Story muss erzählt werden, denn sie ist ein spannender Teil deutscher Wirtschafts- und Kulturgeschichte: Es war 1993, als Markus Benz die älteste deutsche Polstermöbelmarke übernahm. Jenes legendäre Unternehmen, das schon in den 1930er-Jahren die Gesellschaftsräume der Zeppeline mit Stühlen ausgestattet hatte. In den 1990er-Jahren war Knoll allerdings zum Sanierungsfall geworden. Markus Benz musste retten, was zu retten war. „Es war ein Feuerwehreinsatz“, sagt er rückblickend und ergänzt: „Wir mussten das Unternehmen vor dem Ruin bewahren.“
Seine Lektion: Auch mehr als 150 Jahre Tradition und ein Portfolio von Design-Klassikern im Katalog garantieren nicht den Erfolg. „Das Alte lebt nur, wenn wir die Kraft haben, neue Klassiker zu schaffen“, so sein Credo.
„Sonst verkommen wir zum Museum.“ Erst 32 Jahre alt war Benz, als er den Chefstuhl übernahm. Ein Jurist mit Fachgebiet Arbeitsrecht – und ein Sohn mit namhaftem Vater: Rolf Benz. Der hatte seit 1964 im benachbarten Nagold Deutschlands wohl bekannteste Möbelmarke praktisch aus dem Nichts aufgebaut. Ein Benz-Sofa wurde zum Symbol für Aufsteiger.

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Kunstvoller Umgang mit Sattelleder: Von Hand werden die Kanten der Stühle und Sessel lackiert. © Walter Knoll

Zwar trägt die Marke heute noch den Namen, doch die Familie Benz hat komplett das Pferd gewechselt. Sämtliche Anteile des 1994 an die Börse geführten Unternehmens sind veräußert – das frei gewordene Kapital investierte die Familie in das einstige Konkurrenzunternehmen Walter Knoll im zwölf Kilometer entfernten Herrenberg. Markus Benz formuliert es so: „Die nächste Generation Benz findet unter Walter Knoll statt.“ Ein
Seitenwechsel, der bis heute bisweilen für Verwirrung sorgt. „Mir passiert ständig, dass ich mit ‚Herr Knoll’ angesprochen werde“, sagt Markus Benz amüsiert. Er bekam vom ersten Tag an von seinem Vater die Verantwortung für die Geschäfte übertragen. Und er ging seinen eigenen Weg – auch  stilistisch.

„Natürlich bekommt man den Erfolg von Rolf Benz immer vorgehalten“, sagt er. „Wir haben aber der Versuchung widerstanden und immer die Differenzierung gesucht.“ Was hingegen das technische Know-how anging und das Wissen um Markenarbeit, da habe er als Sohn profitiert von seiner Prägung und manchen Gesprächen am Küchentisch. Der „schwäbisch-calvinistische Gewerbegeist“, der im Hause Benz herrsche, sei ein wesentlicher Erfolgsfaktor. „Wir suchen immer nach der Sinnhaftigkeit unseres Tuns – und nicht nach dem Effekt“, beschreibt der Junior und liegt damit ganz auf Linie mit Rolf Benz. Dass der Turnaround gelang, ist vor allem der klaren Führung zu verdanken. „Da habe ich vom juristischen Denken profitiert“, sagt Markus Benz. „Es ging um schnelles, hochkomplexes Sortieren, um das Trennen des Relevanten vom Unrelevanten.“

Fingerspitzengefühl, gepaart mit Geschick, Kraft und Erfahrung: Seit Generationen pflegt Walter Knoll das Polsterhandwerk. © Walter Knoll

Fingerspitzengefühl, gepaart mit Geschick, Kraft und Erfahrung: Seit Generationen pflegt Walter Knoll das Polsterhandwerk. © Walter Knoll

Es galt einen Spagat zu meistern: Benz musste bewahren, streichen und neu schöpfen – und dabei den alten Firmenwerten treu bleiben. Denn eines war dem leidenschaftlichen Möbelbauer klar: „Auf unserem Niveau entstehen Entwürfe nicht über Nacht. Wir brauchen manchmal fünf Jahre, um ein Produkt zu entwickeln.“ Kompromisse hätten vielleicht schnelles Geld bedeutet, aber die Marke vollends zerstört.

Exportschlager Möbel

1997 war der Break-Even geschafft, die wirtschaftliche Leistung des Unternehmens hat Benz seit der Übernahme verzwölffacht. Heute verkauft Walter Knoll mit mehr als 300 Mitarbeitern Sofas, Tische, Sessel, Teppiche und sogar Betten für über 85 Millionen Euro im Jahr. Zwei Drittel davon gehen in den Export. Beim Erschließen neuer Auslandsmärkte gehe er behutsam vor, erklärt Benz: „Wir warten die Neureichenwelle immer erst ab, das ist nicht unsere Zielgruppe.“ Für Protz steht Walter Knoll eben nicht. Er sucht vor allem Kunden, denen es um Inhalte geht, Liebhaber der klaren Formensprache. Zum einen begeistern sich betuchte Privatpersonen. Doch zu einem großen Teil kommt Walter Knoll als Einrichtungsmarke mit Unternehmen und Institutionen ins Geschäft. Vorstandszimmer, Empfangsbereiche – da spielt Walter Knoll seine Stärken als Architektenmarke aus. „Wir sind besonders aktiv im B2B“, sagt Benz. „Im Zentrum stehen dabei die Markenbereiche und Kommunikationszonen eines Unternehmens.“

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© Walter Knoll

Überall zu finden: in Banken, in Flughäfen und in Büros

An hochkarätigen Referenzen mangelt es nicht: So treffen die EZB-Chefs ihre Entscheidungen nicht ohne Walter Knoll. Vom Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York über die Flughafen-Lounge in Hongkong bis zur BMW World in München: „Wir vermitteln Tiefe, unseren Kunden geht es immer auch um den Bedeutungswert“, sagt Benz. In Zusammenarbeit mit dem Stararchitekten Norman Forster hat er auch die Sessel für die Lobby des Berliner Reichstags entworfen.
Es mag verwundern, aber Benz ist in seinem Unternehmen nicht nur oberster Kaufmann und Stratege. Er begreift sich zugleich ganz selbstverständlich als Art Director, der auf Augenhöhe mit den Stars der Designzunft über deren Entwürfe diskutiert.
„Meine Kunst besteht im Neinsagen“, sagt er und schmunzelt. Für ihn und mit ihm entwirft das österreichische Designteam EOOS ebenso wie Claudio Bellini. „Ich bin im Zentrum des kreativen Prozesses“, sagt Benz. „Was ich suche, sind Gleichgesinnte.“

Die Suche nach Sinnesverwandten bezieht er freilich nicht nur auf die Entwurfsphase. Auch in der Fertigung setzt das Unternehmen auf feste, gereifte Partnerschaften, die auf einem gemeinsamen Verständnis von Qualität gründen – und dem Streben nach Exzellenz. „Es ist ein Produkt der Besten. Diese Denkweise aus dieser tollen Region heraus, die braucht es, um solche Möbel zu schaffen.“ Die handverlesene „Cluster Supply Chain“, wie er seine bewährte Innovations- und Lieferkette nennt, reicht von Stuttgart bis nach Norditalien. „Alle Beteiligten sind gleichzeitig Entwicklungspartner.“
Kontinuierliches Wachstum ist für Benz ein Kernwert. „Zu wachsen, ist wichtig. Auch um interessant zu sein für meine Mitarbeiter – und ihnen Chancen zu eröffnen.“ Zum anderen mache es ihm aber persönlich Spaß, leistungsorientiert und mutig zu denken. „Ich will nicht immer kostenorientiert vorgehen müssen, dann entsteht geistige Enge. Wenn erst die Banker sagen, was die richtige Produktstrategie ist, dann ist alles vorbei.“

MODERNE KLASSIKER IN SERIE
151 Jahre Handwerkskunst: die bewegte Geschichte der Möbelmarke Walter Knoll.

Mit einem 1865 in Stuttgart gegründeten Lederhandel beginnt die Unternehmensgeschichte. Schnell steigt Wilhelm Knoll durch erstklassiges Handwerk zum Königlichen Hoflieferanten auf. 1907 übernehmen die Söhne Willy und Walter das Ruder und führen den ersten Clubsessel in Deutschland ein. Auf der Suche nach neuen Formen und Funktionen geht der weltgewandte Walter Knoll 1921 in die USA und gründet nach der Rückkehr 1925 die Walter Knoll & Co. GmbH, die 1937 nach Herrenberg umzieht. Zu Zeiten des Bauhaus bestehen enge Verbindungen zu den großen Baumeistern der Moderne, darunter Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius. In der Nachkriegszeit dominieren klare Linien, bei Walter Knoll entstehen Ikonen der Design-Geschichte. So entwirft Meinhard von Gerkan 1975 den Berlin Chair für die VIP-Wartezonen im Tempelhofer Flughafen. Dennoch gehen die Geschäfte in den 1980er-Jahren bergab. Die in die Krise geratene Firma wird 1993 von der Familie Benz übernommen. 2006 wird das „Markenland“ am Stammsitz Herrenberg eröffnet. Hier und im zehn Kilometer entfernten Mötzingen wird das Gros der Möbel gefertigt. Minimalistische Formensprache ist und bleibt ein Markenzeichen von Walter Knoll.