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Creditreform
Siegbert Wortmann

© Kathrin Kröger/Westfalen-Blatt

Deutschlands cleverster IT-Unternehmer – das könnte Siegbert Wortmann sein. Mit seiner Marke Terra liefert er aus Ostwestfalen Server, PCs, Laptops und Tablets. Der Selfmade-Unternehmer tut, was er für richtig hält. Und hat so im Alleingang ein milliardenschweres Imperium geschaffen.

Einen Laufstall haben vermutlich nicht viele Chefs in ihrem Büro. Für Siegbert Wortmann ist er ein unverzichtbares Möbel.

„Glück ist für mich, wenn mein Enkel Levi zu mir kommt“, sagt der 65-Jährige. „Wenn meine Tochter etwas Entlastung braucht, ist der Kleine bei mir.“ Luftlinie trennen die Spielmatte fünf Meter vom imposanten Schreibtisch. Den hat Opa wie eine Kommandozentrale mit Aktenordnern aller Farben umstellt.

Während Levi spielt, kauft oder gründet Siegbert Wortmann hier Firmen, schiebt neue Logistikflächen frei und baut Cloud-Rechenzentren. Entscheider – diese leicht abgegriffene Vokabel füllt Wortmann problemlos mit Bedeutung. „Ich entscheide allein“, sagt er. „Habe ich immer so gemacht.“

Gäbe es eine Lehrbuchbeschreibung eines zupackenden Familien­unternehmers, wäre Wortmann der ideale Kandidat. Er hat in 35 Jahren ein Imperium aus gut 25 Firmen mit zwei Milliarden Euro Umsatz aufgebaut – buchstäblich aus der elterlichen Scheune heraus.

Es hält auch die Familie zusammen. Alle packen mit an: Tochter Svenja und die Söhne Sven und Sören ebenso wie Wortmanns Frau. „Gabriele arbeitet schon seit 35 Jahren mit.“

Zudem bilden Ehefrau und Tochter den Aufsichtsrat der nicht börsennotierten AG, gemeinsam mit einem Wegbegleiter der ersten Stunde, Tom Knicker.

Kürzere Wege und mehr Unabhängigkeit gibt es nicht. Wenn Siegbert Wortmann eine Firma hinzukaufen will, dann macht er es. Der einzige Vorstand, den er überzeugen muss: Siegbert Wortmann.

„Eine Bilanz lesen kann ich selbst“, sagt der Diplom-Kaufmann auf die Frage nach möglichen Sparringspartnern. „Da brauche ich keine 50 Berater, die ich teuer bezahlen müsste.“

80 Prozent der Firma gehören Siegbert Wortmann, je zehn Prozent halten die Familien-KG und sein Aufseher Knicker.

 

Terra Computer: IT made in Germany

32609 Hüllhorst: Die Gemeinde nördlich von Herford ist so etwas wie Deutschlands heimliches Zentrum der Computerindustrie. „IT made in Germany“ ist der Slogan. Im Zentrum der Unternehmensgruppe steht die Wortmann AG mit der Marke Terra, einem der wenigen europäischen Hardwarelieferanten.

Zum B2B-Netzwerk zählen 15.000 Fachhändler und Systemhäuser, die die Server, PCs, Notebooks und Tablets von Terra nach eigenen Konfigurationswünschen in Hüllhorst ordern, dort zusammenbauen und bei Bedarf auch finanzieren lassen. Wortmann versteht sich so als flexibler IT-Infrastrukturpartner für den Mittelstand – auch mit Cloud-Services.

Auf große Reden legt er dabei keinen Wert. Lieber sind ihm Fragen, die schnell mit Ja oder Nein zu beantworten sind. Handschlagfest zu sein, das ist wichtig für den Ostwestfalen. Sein Arbeits­pensum habe er inzwischen reduziert.

„Nach dem Abendessen fahre ich heute nicht mehr in die Firma – und sonntags nur noch vormittags.“ So komme er nur noch auf 60 Stunden die Woche, sagt er.

Ein Ritual nach dem Mittagessen darf allerdings nicht fehlen: der Rundgang durch die Firma. „Ich schaue mich überall um, auch im Rechenzentrum.“ Eine halbe Stunde dauere das, manchmal eine ganze. 90 Prozent der rund 700 Mitarbeiter am Standort Hüllhorst kenne er namentlich.

Sie grüßen ihn als „Siegbert“ – in Hüllhorst darf geduzt werden. Dass das „Manager Magazin“ Siegbert Wortmann auf der Liste der reichsten Deutschen mit einem Vermögen in Höhe von einer halben Milliarde Euro einstuft, kommentiert er mit einem Achselzucken.

 

Siegbert Wortmann: Start mit HiFi-Studio

Angefangen mit dem Geldverdienen hat Wortmann schon während des BWL-Studiums. „1983 habe ich gemeinsam mit einem Partner ein HiFi-Studio in Osnabrück aufgemacht. Am Wochenende stand ich im Verkauf.“ Warum HiFi? „Ergab sich so“, begründet er. „Aber das Studio gibt es heute noch.“

Den Sprengel OWL (Ostwestfalen-Lippe) hat Wortmann für seine unternehmerischen Aktivitäten nie verlassen: „Ich bin hier bei meinen Eltern wohnen geblieben.“ Auch heute ist sein Elternhaus im Ortsteil Büttendorf weiter sein Wohnsitz.

Wortmanns Vater war Maurer. „Die Verhältnisse waren einfach, ich hatte eine glückliche Jugend“, sagt er. Zwei Kühe, fünf Schweine, 20 Hühner, drei Hunde und jede Menge Katzen gehörten zum Hof. „Und Oma putzte mir die Fußballschuhe“, erinnert er sich.

Siegbert Wortmann entwickelte ein Gespür für das Import-Export-Geschäft von elektronischen Geräten: Er leistete in der elterlichen Scheune Pionierarbeit und begann ab 1986, mit bis zu 40 Leuten PC-Komponenten aus Fernost und den USA zusammenzuschrauben.

Die ersten Rechner unter dem Markennamen Terra verkaufte er 1988. Das runde Terra-Logo, auf den zweiten Blick erkennt man eine Weltkugel, ist lila.

Für die Farbwahl, die heute konsequent bis zu den Fensterrahmen durchgezogen wird, gibt es Gründe: „Grün hatte schon die Wettbewerberfirma Peacock – ging nicht. Mit den Roten habe ich es nicht so. Blau ist die Farbe des SV Schnathorst, unserer Erzrivalen.“

Man muss wissen: Wortmann stand bis Mitte 40 für den TuS Tengern auf dem Platz. Beide Fußballclubs gehören zu Hüllhorst. „Und dann lag da bei der Diskussion über unsere Unternehmensfarbe eine Tafel Milka auf dem Tisch“, sagt Wortmann. Der Rest ist Geschichte.

Terra-Cloud: Sehen, wo die Daten liegen

Im großen Stil konnte Wortmann sein charakteristisches Lila beim Bau eines massiven Rechenzentrums einsetzen: Seit 2014 betreibt er die „Terra-Cloud“ in Hüllhorst.

„Weit über 100 Millionen Euro haben wir investiert, allein 60 Millionen in die selbst gefertigten Server“, sagt er. In Kürze stehe erneut eine Verdopplung der Kapazität an.

Der eigene Cloud-Umsatz mit Backups, Hosting und Housing beläuft sich schon auf 35 Millionen Euro, hinzu kommen fast 45 Millionen mit dem Cloud-Lizenzgeschäft. „Wir sind gut aufgestellt in diesem Zukunftsmarkt“, sagt Wortmann.

Lisa Stegkemper ist zuständig für den Vertrieb der Cloud-Lösungen. Beim Gang in den Keller des Rechenzentrums stoppt sie vor einer riesigen Glasscheibe, um die dahinterliegenden Serverracks zu illuminieren.

Der Aquarium-Effekt mit imposantem Lichtszenario ist kalkuliert: „Wir überzeugen die Kunden mit viel Transparenz und demonstrieren gerne unsere Sicherheitsvorkehrungen. Sie können quasi gucken, wo ihre Daten liegen.“

 

Wortmann punktet mit kurzen Reaktionszeiten

Alles aus einer Hand, hohe Flexi­bilität – und kurze Reaktionszeiten: Mit solchen Attributen punktet der deutsche IT-Lieferant. „Was man heute bestellt, ist in der Regel morgen schon da“, sagt Meik Blase, der das Qualitätsmanagement betreut.

Die UPS-Lkw fahren direkt an die Rampe des Logistikzentrums, das zugleich als Montage- und Testraum der Hardwarekomponenten dient. So ergibt sich ein Gemisch aus Hochregallager mit Stapler-Betriebsamkeit und mehreren Arbeitsgruppen, in denen die beschafften Komponenten zusammengeschraubt werden. „Hier verheiraten wir die bestellten Bestandteile zu fertigen Rechnern und spielen die Software auf“, sagt Blase.

„Made in Germany“ – das heißt freilich nicht, dass Wortmann eigene Rechnerkerne, Speicher oder Laufwerke herstellt. „Von den 13 Komponenten eines PCs stammt keine einzige mehr aus Europa“, sagt Siegbert Wortmann. „Es wird fast alles in China hergestellt. Da haben wir uns als Volkswirtschaft in eine gefährliche Abhängigkeit begeben.“

Dass er in Hüllhorst für Beschäftigung und Ausbildung sorgt, verschafft ihm per se keinen Wettbewerbsvorteil. „Wir werden nicht bevorzugt bei öffentlichen Ausschreibungen, wenn es etwa um die IT-Ausstattung von Schulen oder Behörden geht. Darüber sollte man mal nachdenken“, findet er.

„Unsere sechs Mitbewerber sind Dell, HP, Lenovo, Acer, Asus und Apple. Wissen Sie, welchen entscheidenden Vorteil sie uns gegenüber haben?“ Kunstpause.

„Sie zahlen keine Steuern. In Irland, wo sie oft ihren EU-Sitz haben, sind Einkünfte aus Patenten steuerfrei. Wir bezahlen hier unsere Abgaben – und sind damit zufrieden, wenn wir von einer Million Gewinn 500.000 Euro abgeben müssen. Apple nicht.“

Für ihn ist es selbstverständlich: Irgendwer müsse Straßen, Schulen und Polizei ja bezahlen. Lokale Einrichtungen wie Kindergärten bekommen von ihm jedes Jahr obendrein Spenden, zuletzt 82.000 Euro.

 

Trotz Milliardenumsatz: Siegbert Wortmann übt sich in Demut

Das vergangene Jahr lief gut für Wortmann: Elf Prozent mehr Umsatz, die IT-Sparte kratzt an der Milliardenschwelle. Impulse brachte die Einstellung des Betriebssystems Windows 7, die entsprechende Ersatzinvestitionen anschob.

Und Corona wirkte als Beschleuniger. „Wir profitieren vom Trend zum Homeoffice und auch die Digitalisierung von Schulen verschafft uns ein paar Aufträge.“ „Homeoffice ab 400 Euro“ – bewirbt Wortmann ein haus­eigenes All-in-one-Paket.

Doch er jubelt nicht über den Erfolg. Auch öffentlich übt er sich in Demut: Er denke an diejenigen, „die an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gegangen sind oder unverschuldet in wirtschaftliche Not geraten sind“, lässt der Unternehmer in einer Pressemeldung wissen.

Bei warmen Worten belässt es der heimatliebende Unternehmer nicht. Dem Chef der Privatbrauerei Barre aus dem benachbarten Lübbecke brachen die Umsätze weg, und Wortmann wollte seinen Händlern ohnehin mal Danke sagen. So orderte er 10.000 Fässchen Barre-Pilsener und schickte sie auf die Reise.

Wortmann wirkt kumpelhaft-nahbar, doch zugleich zurückhaltend, kontrolliert und bescheiden. Früher, da sei er sonntags zur Bank gefahren, um ja noch vor Schalteröffnung die Schecks einzuwerfen.

 

Wortmanns Credo: Wer Erfolg haben will, muss fleißig sein

„Sonst hätten wir einen Anruf bekommen, dass unsere Kreditlinien überzogen sind.“ Heute finanziert er Neubauten wie das Rechenzentrum aus dem Eigenkapital. „Banken brauchen wir dafür nicht mehr.“

Wer Erfolg haben will, darf nicht auf den Kopf gefallen sein, muss fleißig sein – und braucht Glück. So Wortmanns Credo. In seinem Vertriebsbüro hängen Flaggen von der Decke. Sie kennzeichnen die Länderzuständigkeiten.

Eine Kiste leerer Champagnerflaschen auf einem Beistelltisch zeugt von der Motivationsfähigkeit des Chefs. „Klar, wenn es gut läuft, geben wir mal einen aus“, sagt Wortmann.

Anfang des Jahres griff er bei der Haller Eventstätte OWL-Arena zu, einst bekannt als Gerry-Weber-Stadion. Wortmann übernahm Anteile der Familie Hardieck und ist nun Miteigentümer eines Stadions, Sportparks und Vier-Sterne-Hotels.

„Eine Loge beim Tennis hatte ich da ja schon lange“, sagt er – und es klingt fast wie eine Begründung. „Nun können wir da vielleicht etwas mehr anschieben.“

Er holt zwei Din-A3-Blätter und legt sie zum Vergleich auf den Tisch: Architektenentwürfe von einem hochmodernen Gebäudekomplex, vorne mit einem eingelassenen Balkon fast wie im Kanzleramt.

„Was die Fassade angeht, muss ich mich bis übermorgen entscheiden“, sagt Wortmann. Der 140 Meter lange und 66 Meter breite Bau wird die neue Zentrale seiner Logistiktochter Westfalia, einem Spezialisten für Intralogistik, der Lagersysteme konzipiert und baut.

Bei der Frage, was er sich privat gönne, stutzt Wortmann kurz. Dann fällt ihm etwas ein: Alle sieben oder acht Wochen, da mache er schon mal ein Wochenende frei. Mal an den Timmendorfer Strand, das sei schon drin.

Oder in die Schweiz fahren – mit Besuch der Niederlassung. „Aber nach einer Woche Urlaub wird es langweilig.“

 

Wortmann: 35 Jahre im Zeitraffer

Siegbert Wortmann studierte in Paderborn BWL und lebte ansonsten immer im Elternhaus im ostwestfälischen Hüllhorst, wo er auch 1986 die Firma Wortmann Terra Impex Computer- und Datenverarbeitungs GmbH gründete. Seine drei Kinder und seine Ehefrau arbeiten im Unternehmen mit, das 1998 in die Wortmann AG umgewandelt wurde. Die Wortmann AG alleine erzielte 2020 einen Umsatz von 980 Millionen Euro.

Davon entfiel die eine Hälfte auf die Eigenmarke Terra und die andere Hälfte auf die Distribution. Zur Wortmann-Gruppe zählen mehr als 25 Beteiligungen, darunter die BAB ­Distribution, der Logistiker Westfalia, die EMS-Fitnesskette Terra Sports und die OWL-Arena samt Court-Hotel. Der Gruppenumsatz stieg im Jahr 2020 um fast 25 Prozent auf knapp zwei Milliarden Euro. Von den insgesamt 2.500 Beschäftigten arbeiten rund 2.000 in Deutschland.