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Creditreform

© Westend61, Raimund Linke/Getty Images; Schmidt & Mengeringhausen

Viele Menschen ziehen für Studium und Beruf in die Ballungsräume. Auch weil sie berufliche Perspektiven in der Heimat oft gar nicht kennen. Doch Unternehmen und Verbände auf dem Land lassen sich etwas einfallen, um Rückkehrer für sich zu gewinnen.

 

Brilon statt Brooklyn. Nach zwei Wanderjahren durch Japan, Neuseeland und die USA gab Bäckermeister und Konditor Gregor Stapper seiner sauerländischen Heimatstadt den Vorzug vor dem New Yorker Stadtteil.

Die geringeren Kosten, die Unterstützung durch die Familie, die Freizeit im Grünen, gewachsene Freundschaften „setzen Kreativität frei und sind für mich nicht mehr wegzudenken“, sagt er. Seine German Bakery Stapper beschäftigt inzwischen acht Mitarbeiter, außerdem hat er einen Back-Truck fürs Catering ausgerüstet. Gebacken werden Kekse, deren Oberfläche die Käufer individuell gestalten können – mit Firmenlogo oder „Für Oma“.

Der erfolgreiche Bäckermeister eignet sich als Gallionsfigur für Initiativen, die Fortgezogene und Weggewanderte in ihre Heimat zurückholen wollen. Gezielte Anwerbeaktionen gibt es im Sauerland ebenso wie in Ostwestfalen, in Sachsen wie in Brandenburg.

Die Aktivitäten sind dringend nötig. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) veröffentlichte im Juli eine Studie, die besagt, dass Flächenregionen den Kürzeren ziehen, weil junge, gut ausgebildete Menschen – Akademiker wie Fachkräfte mit praktischer Ausbildung – in die Städte ziehen. Die Forderung der Autoren steckt schon im Studientitel: „Von Abwanderung betroffene Arbeitsmärkte stärken“.

 

Rückkehrer-Initiativen für junge Familien

Genau da setzen die Heimkehrer-Initiativen an, die oft bei der regionalen Wirtschaftsförderung oder der IHK angesiedelt sind. Sie sprechen vor allem junge Familien an, die zurück in die Nähe der Eltern und Großeltern oder den Miet- und Immobilienpreisen in den Ballungsräumen entgehen wollen. Acht Projekte fördert derzeit etwa die Staatskanzlei Brandenburg, darunter das Landesnetzwerk „Ankommen in Brandenburg“ sowie örtliche Aktivitäten wie „Guben tut gut“.

Die Grenzstadt zu Polen mit rund 20.000 Einwohnern schnürt ein Partnerpaket für Arbeitgeber der Region und ein Willkommensangebot für Rückkehrer. Geschickt legt die Initiative ihre Aktionstage in die Zeiten, in denen Familien und Singles ihre Verwandten besuchen: rund um Weihnachten und Ostern. So wurde auch Nadine Donath auf die Unterstützung für Rückkehrer aufmerksam.

Bei einem Ausflug in die Gubener Innenstadt bekam ihre Tochter ein „Guben-tut-gut-Osterei“ und sie Informationen. Donath trug sich schon länger mit Heimkehrgedanken. Die Betriebswirtin, die in Senftenberg und Chemnitz studierte und dort drei Jahre im Personalwesen arbeitete, stresste sich damit, Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen. Ihr Mann arbeitete als Maler oft auf Montage. 2018 dann der geordnete Rück-Umzug.

Die 31-Jährige bewarb sich erfolgreich als Personalreferentin beim Trevira-Werk, das in Guben schwer entflammbare Endlosgarne produziert. Mithilfe von „Guben tut gut“ sortierte die Familie Wohnungsangebote, fand einen freien Kita-Platz und erhielt eine Liste mit Umzugsunternehmen.

„Unsere Erwartungen wurden mehr als erfüllt“, erzählt Donath. „Die Großeltern sind um die Ecke. Und auch mein Mann hat nun einen Job, bei dem er nur im Umkreis von rund 40 Kilometern unterwegs ist.“

 

Mitarbeiter im Unternehmen halten

Trevira gehört zu den Unterstützern der Initiative. Personalleiterin Heike Lindner sagt: „Ob Personalreferentin, Chemikant oder Produktionsleiter – es gibt keine ausgeschriebene Stelle, die ich einfach besetzen kann.“ Rückkehrer haben für sie gleich zwei Vorzüge: „Die Menschen haben zum einen was gesehen, sie bringen berufliche Erfahrung aus anderen Firmen mit, und zum anderen kommen sie zurück, um zu bleiben.“

Oft sind persönliche Gründe ausschlaggebend. Sozialwissenschaftlerin Gerrit Fischer hatte nach einigen Jahren in einer Unternehmensberatung in Frankfurt „genug Großstadtluft geschnuppert“. Jetzt arbeitet sie als Referentin in zwei Projekten: im Qualifizierungsnetzwerk Höxter-Holzminden und im Kompetenzzentrum Frau und Beruf für Ostwestfalen-Lippe. Sie wohnt bei ihrer Oma zur Miete, fährt 15 statt 45 Minuten zur Arbeit und genießt „die ohrenbetäubende Stille auf dem Land“.

Bei Markus Neuhaus war es die Freundin aus Sundern im Hochsauerlandkreis. Der Arnsberger studierte in Köln Bauingenieurwesen und genoss das Studentenleben. Nach dem Bachelor startete der 30-Jährige bei der IGK Ingenieurgesellschaft Gierse-Klauke in Meschede und pendelte für den Master an die FH Münster.

 

Berufseinsteiger umwerben

Mit seinem Chef hatte er sich für die Zeit des Studiums auf einen Teilzeitjob geeinigt. Damit macht IGK genau das, was Mittelständler tun müssen, um Fachkräfte zu umwerben: Sie kommen ihnen entgegen. „Wenn Berufseinsteiger aus Großstädten zu uns kommen, ist es wichtig, dass sie sich hier ein privates Umfeld aufbauen, ansonsten ziehen sie oft nach wenigen Jahren weiter“, sagt IGK-Geschäftsführer Franz Gierse.

Auch Lena Schmidt aus Olsberg hatte andere Pläne, blieb nach dem Architekturstudium zunächst in Bonn. Doch nach vier Jahren gab sie ihre Festanstellung auf und pendelte ins Architekturbüro Schmidt & Mengeringhausen ihres Vaters, um ihn bei einem großen Projekt zu unterstützen.

Drei Jahre fuhr sie die 200 Kilometer ins Sauerland mehrmals pro Woche, weil ihr Mann beruflich in Bonn gebunden ist. Doch heute pendelt er. Aus dem Paar wurde eine Familie, der Lebensmittelpunkt liegt in Brilon und die Oma aus Olsberg fängt die Kita-Randzeiten auf. Für Schmidt, die inzwischen Geschäftsführerin von Schmidt & Mengeringhausen ist, ist das Sauerland „weder angestaubt noch piefig, sondern ein Naturparadies und eine wirtschaftsstarke Region“.

 

Leistungen zur Mitarbeiterbindung

Neben dem Umfeld müssen auch Gehalt und Zusatzleistungen stimmen. Flexible Arbeitszeiten, Essenszulage, betriebliche Alters- und Gesundheitsvorsorge sind gute Lockmittel. Zumal in ländlichen Regionen die Gehälter immer noch niedriger sind. Die Onlinestellenbörse Stepstone hat im Juli Bruttojahresgehälter von Fach- und Führungskräften in Landkreisen veröffentlicht. Im deutschen Durchschnitt liegen sie bei 59.000 Euro.

In der Sächsischen Schweiz-Osterzgebirge nur bei rund 36.000 Euro. Umso aktiver müssen Arbeitgeber auf dem Land für sich werben – so wie die IKG, die sich Heimvorteil HSK angeschlossen hat, der Rückkehrer-Initiative der Wirtschaftsförderung Hochsauerland.

Deren Mitgliedsfirmen haben kostenlos Zugriff auf die Bewerberdatenbank, Familien werden zu einem Rückkehrertag eingeladen, das Karrierenetzwerk pflegt eine WhatsApp-Gruppe – und nutzt nebenbei die beste Werbung, die es gibt: Berichte derer, die in der alten Heimat ihr neues Glück gefunden haben.

 

So locken Unternehmen potenzielle Rückkehrer:

  • Fahrtkosten erstatten
  • Arbeitsbedingungen zeitlich und örtlich flexibel gestalten
  • Hilfe bei der Wohnungssuche+
  • Unterstützung bei der Jobsuche für den Partner
  • Firmennetzwerke gründen, die die Attraktivität jedes Mitglieds erhöhen, – etwa bei gemeinsamen Kinderbetreuungseinrichtungen oder Gesundheitsaktionen
  • Wirtschaftsfördergesellschaft, IHK und Handwerkskammer auffordern, aktiv in die Rückkehrer-Werbung einzusteigen.