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Creditreform

© Uwe Umstätter/Getty Images

Immer mehr Menschen müssen sich neben ihrem Beruf um bedürftig gewordene Angehörige kümmern. Nicht nur die Betroffenen sind oft unvorbereitet, sondern auch ihre Arbeitgeber. Dabei liegt es in ihrem Interesse, Angestellte zu unterstützen.

Als der Anruf aus der Klinik kam, wurde André Galka davon völlig übermannt. Seinem Vater gehe es sehr schlecht, er müsse ins Krankenhaus kommen und sich kurzfristig um einen Hospizplatz kümmern.

Galka, damals Vorstand, wusste kaum, wo er anfangen sollte. Arztgespräche, Anrufe bei Heimen, die Sorge um den Vater – er sah sich plötzlich mit einem Berg an Anforderungen konfrontiert, die kaum einen Gedanken an etwas anderes zuließen.

„Leider ist mein Vater dann noch im Krankenhaus verstorben. Später habe ich Ähnliches bei meiner Mutter erlebt, deren Zustand sich auch sehr plötzlich verschlechterte. Für meine Großmutter suchte ich wiederum lange vergeblich nach einem Platz in einem Pflegeheim. In diesen Phasen war ich mit allem beschäftigt, nur nicht mit meinem Job“, sagt der 50-Jährige, der sich inzwischen als Unternehmensberater selbstständig gemacht hat.

Wie ihm geht es Millionen Menschen in Deutschland. Angesichts des demografischen Wandels wächst die Zahl der pflegebedürftigen Senioren von heute mehr als drei Millionen auf voraussichtlich 4,5 Millionen im Jahr 2054.

So schreibt es das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP), das 2018 eine repräsentative Studie zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege veröffentlicht hat.

Darin befragte das ZQP Personalverantwortliche in mehr als 400 Unternehmen ab einer Größe von 26 Mitarbeitern, wie ihre Firma mit dem Problem umgeht. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

In mehr als der Hälfte der Unternehmen (58 Prozent) sind betriebliche Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege weder etabliert noch geplant.

Für 43 Prozent der Teilnehmer sind die Umsetzung solcher Angebote generell eher zu aufwendig und andere Fragen wichtiger. Etwa ein Drittel (34 Prozent) findet entsprechende Maßnahmen zu teuer.

 

Überlastung kostet Geld

Simon Eggert, Leiter Analyse des ZQP, rät Personalchefs dringend zum Umdenken. „Unternehmen haben etwas davon, gute Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu schaffen. Schließlich sind die psychischen und physischen Belastungen pflegender Arbeitnehmer auch ein Risiko für Fehlzeiten, Konflikte im Team, mit Kunden oder Vorgesetzten.“

Überlastung ist also kostenrelevant. Außerdem werde das Thema vor dem Hintergrund des Arbeitskräftemangels immer bedeutender. „Denn mit dem demografischen Wandel steigt nicht nur die Zahl der Pflegebedürftigen. Es schrumpft eben auch die Erwerbsbevölkerung.“

„Unternehmen haben etwas davon, gute Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu schaffen.“

Simon Eggert, ZQP

Wer gute Mitarbeiter halten wolle, müsse sie in einer privaten Pflegesituation entlasten. Sei es durch eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten oder durch den Einsatz eines sogenannten Pflegelotsen, also eines Mitarbeiters, der zum Thema Pflege geschult wird und das lokale Hilfenetz in der Region kennt.

„Die Lotsen sollen die Kollegen dann nicht inhaltlich beraten, sondern Türöffner zu den externen Strukturen sein, die dann konkret weiterhelfen. Denn viele Angehörige gehen im Pflegedschungel schlicht verloren und finden dann keinen oder zu späten Zugang zu manchen Unterstützungsmöglichkeiten“, sagt Eggert.

Diese Rechte haben Arbeitnehmer, die Angehörige pflegen

  • Ergibt sich ein akuter Pflegefall, dürfen sie bis zu zehn Tage der Arbeit fernbleiben. Während dieser Zeit haben sie Anspruch auf Pflegeunterstützungsgeld.
  • Bei häuslicher Pflege über einen längeren Zeitraum können sich Beschäftigte auf zwei Arten freistellen lassen: Mit der sogenannten Pflegezeit können bis zu sechs Monate ganz dem Job fernbleiben. Bei der Familienpflegezeit reduzieren sie ihre Arbeitszeit für 24 Monate auf mindestens 15 Wochenstunden. Für beide Modelle bietet das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) zinslose Darlehen an, die den Verdienstausfall teilweise kompensieren.
  • Um Angehöre in der letzten Lebensphase zu begleiten, können Beschäftigte bis zu drei Monate aussetzen – unabhängig davon, ob Angehörige zu Hause oder in einem Hospiz gepflegt werden.
  • Weitere Informationen zur Familienpflegezeit.

Weil auch André Galka dieser Pflegedschungel überforderte, beschloss er, selbst eine solche „externe Struktur“ zu gründen. Seine Organisation Wirkümmernuns (wirkuemmernuns.eu) richtet sich an Unternehmen und bietet ihnen einen kompletten Service rund um das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege.

„Wir stellen jedem Mitarbeiter einen persönlichen Ansprechpartner zur Verfügung, der ihn in allen relevanten Fragen berät und auch selbst das Gespräch mit Ärzten, Heimen und Krankenkassen sucht. Wir begleiten ihn bei jedem Schritt und helfen ihm, im Wust der Angebote, Anträge, Pflichten und Verordnungen den Überblick zu behalten“, sagt Galka.

So lege etwa der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) in 80 Prozent der Fälle zunächst einen falschen Pflegegrad fest. Ein Widerspruch wiederum sei in 98 Prozent der Fälle erfolgreich.

„Häufig fehlt den Menschen aber die Zeit und das Wissen, um solche Widersprüche erfolgreich durchzusetzen“, sagt Galka. Außerdem hilft seine Organisation bei der Suche nach einem Pflegedienst und verfügt über ein Netzwerk an Dienstleistern wie Sanitätshäusern, Apotheken und Handwerksunternehmen, die zum Beispiel einen behindertengerechten Umbau des Badezimmers vornehmen.

 

Den Rücken freihalten

Das erste Unternehmen, das den Service von Wirkümmernuns in Anspruch nimmt, ist die Sparkasse Dortmund. Dort kann sich jeder Mitarbeiter über eine im Intranet angegebene Telefonnummer anonym und ohne das Wissen des Arbeitgebers an die Beratungsorganisation wenden.

Das tat auch Holger Meyer, dessen 78-jährige Mutter an einem seltenen Innenohrtumor erkrankte. „Da sich die Ärzte im normalen Krankenhaus nicht an die Operation gewagt haben, mussten wir einen Termin bei einem Spezialisten in einer anderen Stadt ausmachen, was sehr aufwendig war.“

Nach der OP litt seine Mutter dann an schweren Gleichgewichtsstörungen und war auf Pflege ­angewiesen. Der Berater habe sehr geholfen, den richtigen Pflegegrad zu erwirken, einen Schwerbeschädigtenausweis zu beantragen und einen Hausnotruf einzurichten.

„Ich allein wäre damit komplett überfordert gewesen, zumal ich ja auch noch einen Job zu erledigen hatte“, sagt Meyer. Weil sein Arbeitgeber ihm dank des externen Beraters weitgehend den Rücken freihielt, konnte er die Doppelbelastung stemmen und hatte nicht das Gefühl, weder der einen noch der anderen Seite gerecht zu werden.

Für Gabrielle Kroll, Bereichsleiterin Personal bei der Sparkasse Dortmund, entspricht das einem „ganzheitlichen Blick“, den man als Arbeitgeber heute haben sollte. „Es ist ja nicht so, dass sich unsere Mitarbeiter morgens den Sparkassenmantel anziehen und kein Privatleben haben.

Viele sind heute Teil der Sandwich-Generation, die sich um die eigenen Kinder und um die Eltern oder Großeltern kümmert. Diese Belastung müssen wir berücksichtigen.“ Und schließlich profitiere auch die Sparkasse davon, wenn es dank eines Pflegeberaters weniger Fehlzeiten gebe und die Mitarbeiter sich auf ihre Arbeit konzentrieren könnten.