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Illustration Work Life Balance

© enisaksoy/Getty Images;

Können wir 100 Prozent der Arbeit in 80 Prozent der Zeit schaffen? Die Anhänger der Vier-Tage-Woche sind davon überzeugt. Studienergebnisse und Erfahrungsberichte legen nahe: Da ist was Wahres dran.

 

In den Büros der Unternehmensberatung Intraprenör steht donnerstagabends die Zeit still. Übers ganze Wochenende. Niemand läuft durch die Büroräume in einem ehemaligen Münzprägewerk direkt am Berliner Spreeufer. Die Kaffeemaschine bleibt kalt, die Heizung ausgeschaltet und wer Mitarbeitern E-Mails schreibt, erhält Abwesenheitsnotizen.

Am Montagmorgen werden die Türen wieder geöffnet, Anrufbeantworter abgehört, Nachrichten geschrieben, Kundentermine wahrgenommen. In einem Linkedin-Post wirbt Intraprenör selbstbewusst: „Freitags sind wir nie da“.

Jan Bühren macht keinen Hehl daraus, wie viel ihm die Vier-Tage-Woche bedeutet. Sie sei einer der wichtigsten Gründe für seine Bewerbung bei Intraprenör gewesen, sagt der Head of Research. Bühren hat Organisationspsychologie in Berlin und Groningen studiert und ist mit 33 Jahren der zweitälteste in dem zehnköpfigen Team. Er ist überzeugt: „Die Regenerationszeit nach einer intensiven Arbeitswoche in der Beratung ist zu kurz.“

Die Gründer von Intraprenör sehen das genauso und führten die Vier-Tage-Woche bereits im Jahr 2014 ein. Mittlerweile berät das Unternehmen Firmen, die das Arbeitszeitmodell kopieren wollen.

 

Internationales Interesse

Mit ihrer Ansicht sind sie nicht allein. Neben großen Unternehmen wie Microsoft, Unilever und Deloitte experimentierten bereits mehrere Länder mit der Vier-Tage-Woche oder anderen Modellen, die eine Reduktion der Arbeitszeit vorsehen.

Aktuell läuft ein sechsmonatiges Pilotprojekt zur Vier-Tage-Woche in Großbritannien, an dem 3.300 Beschäftigte in 70 Unternehmen teilnehmen – von der Pommesbude bis hin zu großen Finanzfirmen, wie die Zeitung „The Guardian“ berichtet. Begleitet wird es von den Universitäten Cambridge und Oxford.

Warum der Gedanke auf so großes Interesse stößt, kann Lasse Rheingans erklären. Auch er berät zu New-Work-Themen. In seiner Firma wird zwar an fünf Tagen in der Woche gearbeitet, aber mit nur fünf Stunden täglich – bei voller Bezahlung. In seinem Buch „Die 5-Stunden-Revolution: Wer Erfolg will, muss Arbeit neu denken“, berichtet er über seine Erfahrungen. Seit Jahren ist er ein gefragter Gesprächspartner zu dem Thema.

„Aufgrund technologischer Neuerungen in Robotik und Künstlicher Intelligenz besteht unsere Arbeit zunehmend aus kreativen Aufgaben“, sagt er. „Und die kann man nicht acht Stunden, fünf Tage die Woche in guter, gleichbleibender Qualität erledigen.“ Die Arbeitsbedingungen müssten sich an die heutige Welt anpassen.

 

Wichtiger als Geld

Studien zeigen: Rheingans hat recht. Erstens lässt sich nachweisen, dass nur ein Bruchteil der Arbeitszeit produktiv genutzt wird. Entfallen Hindernisse wie unnötige oder überlange Meetings, überflüssige E-Mail-Kommunikation und andere Zeitfresser sowie private Ablenkungen – etwa Telefonate, Messenger und Social Media –, lassen sich deutlich mehr Aufgaben in kürzerer Zeit bewältigen.

Zweitens kann ein ausgeruhter Mitarbeiter mehr leisten: Als eine von zahlreichen Untersuchungen deuten beispielsweise Zwischenergebnisse des britischen Pilotprojekts an, dass die Produktivität in den befragten Unternehmen gleichgeblieben oder – dank längerer Erholungsphasen – sogar gestiegen ist.

Dass Beschäftigte sich mehr Zeit für sich wünschen, für Freunde, Familie, Hobbys und so weiter, mag wenig wundern. Wohl aber, dass ihnen eine Reduktion der Arbeitszeit sogar wichtiger ist als Geld. Weniger arbeiten, weniger verdienen, aber eine bessere Work-Life-Balance haben – das ist für 54 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland denkbar, so eine Umfrage des Softwareanbieters Hotspot.

 

EU-Pilotprojekt startet 2023

So hat es auch Tia Robinson lange gehalten. Die Geschäftsführerin des Trainings- und Beratungsunternehmens Expath arbeitete 80 Prozent in Teilzeit, bekam 20 Prozent weniger Gehalt und hatte mehr Zeit für ihre Tochter.

Ihr Geschäftspartner wählte dasselbe Teilzeitmodell – aber nicht aus familiären Gründen, sondern um ein Buch zu schreiben. Immer mehr Mitarbeiter des 55-köpfigen Teams baten um dieses oder ein ähnliches Teilzeitmodell – so viele, sagt Robinson, dass eine einheitliche Regelung für alle notwendig wurde.

Bei der Suche nach einer unternehmensweiten Lösung stieß sie auf 4 Day Week Global. Die Organisation startet Anfang 2023 ein EU-Pilotprojekt zur Vier-Tage-Woche. Robinson und ihr Team entschlossen sich zur Teilnahme.

Nun wird Expath bei der Vorbereitung unterstützt – die Mitarbeiter lernen, wie sie Arbeitsabläufe optimieren können, Meetings reduzieren und verbessern und welche Informationen sie brauchen, um Effizienz zu messen. Das Projekt soll zunächst sechs Monate laufen.

 

Der Mensch im Mittelpunkt

Robinson ist optimistisch: „Ich glaube, dass wir die 20 Prozent unserer Arbeitszeit wieder rausholen können“, sagt die Geschäftsführerin. „Unsere Mitarbeiter wollen alles tun, damit das Projekt erfolgreich ist, und wir die Vier-Tage-Woche nach Ablauf des Projekts beibehalten“.

Bühren hingegen kann sich ein Zurück zum alten Modell vorstellen – unter einer Bedingung: „Die Vier-Tage-Woche ist Ausdruck eines neuen Managementverständnisses, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht mehr nur als Ressource betrachtet wird, deren Produktivität maximiert werden muss“, sagt er. „Ich würde eine Fünf-Tage-Woche nicht ausschließen. Aber nur, wenn ich dieses Verständnis deutlich in anderen Maßnahmen des Arbeitgebers erkennen kann.“

 

Zeitfresser beseitigen

100 Prozent Lohn, 80 Prozent Zeit, 100 Prozent Leistung – das geht, behaupten die Befürworter der Vier-Tage-Woche. Aber wie? Unter anderem mit diesen Tipps:

Projektbezogen kommunizieren. Unternehmen wie Intraprenör und Rheingans haben E-Mails zur internen Kommunikation abgeschafft. Rheingans nutzt Microsoft Teams, Intraprenör das Projektmanagement-Tool Asana. So lassen sich Informationen vollständig und projektbezogen abrufen, was nicht nur die tägliche Arbeit, sondern auch das Onboarding neuer Mitarbeiter erleichtert.

 

Meetingkultur verbessern. Meetings sind zum Austausch da. Informationen, die bereits vorliegen (Zahlen, Präsentationen etc.), sollten vorher zur Verfügung gestellt werden, ebenso eine Agenda. Jeder Teilnehmer weiß, warum er mit dabei ist und was von ihm erwartet wird, und bereitet sich entsprechend vor.

 

Konzentration ermöglichen. Unterbrechungen sind ein kulturelles Thema: Jeder im Unternehmen muss wissen, dass Unterbrechungen wertvolle Arbeitszeit kosten, und sie möglichst bei sich selbst und anderen vermeiden. Deshalb gehören Benachrichtigungen ausgeschaltet und auch das Telefon darf mal später beantwortet werden.

 

Festen Rahmen für Gespräche schaffen. Dennoch muss Austausch möglich sein – sowohl beruflicher als auch privater Natur. Doch auch das geht zeitsparender als mit einem Schnack an der Kaffeemaschine. Feste Strukturen helfen, etwa regelmäßigen Updates in Form von kurzen (Stand-up-)Meetings und Jour Fixes. Wer gemeinsam an Projekten arbeitet, sollte gemeinsame Bürotage festlegen – und gegebenenfalls zusammen mittagessen.