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Creditreform
Schweißer an einem Rohr

© Bill Heinsohn/Getty Images

Viele energieintensive Unternehmen befinden sich seit Anstieg der Energiepreise in einer dramatischen Lage. Ihre Stromlieferverträge laufen aus. Anderen kündigten die Versorger zum Jahresanfang. Auf Ausschreibungen aber erhalten die Firmen kaum Angebote – falls doch, zu horrenden Preisen. Lässt sich das Dilemma lösen?

 

Axel Oppenborn befürchtet, dass seine Energiekosten in den kommenden Monaten um bis zu 700 Prozent steigen könnten. Gemeinsam mit seinem Bruder Kai Oppenborn führt er die Calenberger Backstube in Pattensen bei Hannover, ein Betrieb mit 25 Filialen und 260 Mitarbeitern.

Er rechnet mit Energieaufwendungen von 1,4 Millionen Euro pro Jahr. „Das ist viel zu viel für unsere mittelständische Firma“, sagt der Chef. Sein Versorger kündigte ihm die Verträge. Jetzt sucht Oppenborn händeringend nach einem neuen Anbieter. „Wir bekommen nur Offerten zu extrem schlechten Konditionen“, berichtet er – und hofft jetzt auf die Hilfen vom Staat.

Das Problem kennen viele Unternehmen. Die Stadtwerke Osnabrück zum Beispiel sollen mehr als 1.000 Kunden – darunter auch viele Firmen – die Verträge gekündigt haben. In diesen Fällen sehen sich die Versorger nicht mehr in der Lage, ihre Verpflichtungen angesichts der Preisexplosion zu erfüllen.

„Das zieht vermutlich noch eine große Welle von Schadensersatzklagen nach sich“, glaubt Wolfgang Hahn, Geschäftsführer der unabhängigen Beratungsgesellschaft ECG Energie Consulting GmbH mit rund 50 Mitarbeitenden im baden-württembergischen Kehl. Betroffenen empfiehlt er, mit einem Rechtsanwalt die individuelle Situation zu diskutieren.

 

Keine akzeptablen Konditionen

Zwar müssen die Betriebe nicht befürchten, keinen Strom mehr zu haben. Für Geschäftskunden ohne Anschlussvertrag gibt es in Deutschland eine gesetzlich geregelte Grund- und Ersatzversorgung. Doch befriedigt dies nicht, wie auch der Energiekonzern Eon weiß: „Wir stehen gerade in diesen schwierigen Zeiten im engen Austausch mit unseren Kundinnen und Kunden und wissen daher, was die gestiegenen Preise für sie bedeuten“, sagt eine Sprecherin des Konzerns.

Das hilft den Firmen nicht weiter. Die Betriebe erhalten auf Anfragen für neue Verträge kaum Feedback. Energieexperte Hahn erinnert sich an einen Mandanten, der jüngst rund 80 Versorger kontak­tierte. Auf seine Ausschreibung erhielt er vier Antworten. Ein Angebot zu akzeptablen Konditionen war nicht dabei.

„Firmen müssen sich aber auch eingestehen, dass sie zu lange mit Ausschreibungen gewartet haben, und dies während des ganzen Jahres 2022“, meint Hahn. Die Unternehmer spekulierten darauf, dass sich die Tarife im Jahresverlauf wieder verbessern. Leider ist das nicht wie gewünscht eingetreten.

 

Rücklagen für Nachzahlungen bilden

„Wir befinden uns in der größten Energiekrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Das darf man nicht vergessen“, kommentiert Kai Imolauer, Spezialist für erneuerbare Energien bei der Beratungsgesellschaft Rödl & Partner in Nürnberg. Der Experte empfiehlt Unternehmern, auf jeden Fall Rücklagen zu bilden, um die höheren Kosten stemmen zu können.

Firmen, die neue Verträge brauchen, sollten als Erstes ihren regionalen Anbieter ansprechen – also in der Regel die Stadtwerke vor Ort. „Sie helfen zumeist und sind gegebenenfalls zu Verhandlungen bereit“, sagt Imolauer. Allerdings sollte man sich jetzt keinesfalls über mehrere Jahre binden und keinen Vertrag zum Fixpreis abschließen. Jahresverträge gemäß dem Spotmarkt-Modell, also zu täglich variierenden Preisen, sind nach Auffassung der Experten momentan die bessere Wahl.

Derzeit läuft fast alles über den Spotmarkt. Unternehmen können dort sowie am Terminmarkt auch Energie in Tranchen kaufen. Dabei erwerben sie ihren benötigten Strom in mehreren Teilmengen im Voraus. Ziel ist es, im Jahresmittel einen marktgerechten mittleren Preis zu realisieren.

Die Konditionen richten sich nach einem zu verhandelnden Aufpreis auf den durchschnittlichen Börsenpreis des Vortags. „Ab einem Bedarf von fünf Millionen Kilowattstunden Strom macht der Einkauf in Tranchen definitiv Sinn“, sagt Hahn. Auch hier helfen die Stadtwerke und Energieversorger weiter, aber genauso Maklerunternehmen für Energie sowie unabhängige Energieberater. Der Nachteil des Tranchenmodells: Jemand muss den Strommarkt regelmäßig beobachten, um günstige Zeitpunkte für den Einkauf zu erkennen und entsprechend zu reagieren.

 

Langfristig den Preis stabilisieren

Wer langfristig kalkulierbare Rahmenbedingungen sucht, sollte sich mit den noch neuen, sogenannten Power Purchase Agreements (PPA) befassen. Das sind Stromkaufverträge, die in der Regel zehn, manchmal sogar 15 Jahre laufen.

Unternehmen beteiligen sich bei diesen Agreements an der Finanzierung von erneuerbaren Energien wie etwa Wind- oder Solarparks und können im Gegenzug von diesen Strom beziehen. Zumeist handelt es sich um Festpreisvereinbarungen. Über ein PPA lässt sich ein Preisanstieg für die vereinbarte Vertragsstrommenge absichern – wenn auch nicht ohne Risiken und Handicaps.

Der Markt ist klein. Es gibt nur wenige Projekte, in die Unternehmen einsteigen können. Ein Ansprechpartner sind wieder die regionalen Energieversorger. Selbst wenn sie kein PPA im Programm haben, vermitteln sie einen Kontakt. „Man kann auch auf die Projektentwickler oder die Stromhändler zugehen oder aktiv selbst Betreiber anrufen“, sagt Imolauer.

Bis ein Anbieter gefunden ist, können allerdings Monate vergehen. Ein solches Agreement kommt zudem erst ab einem Strombedarf von mindestens fünf Megawatt infrage. Firmen mit einem niedrigeren Verbrauch haben aber die Möglichkeit, sich mit mehreren Unternehmen zusammenzuschließen. Das kann zum Beispiel über einen Energieberater oder über Verbände und die Anbieter laufen. Eine Kooperation bringt den Vorteil, dass nicht jeder einzeln einen Vertrag aushandeln muss. Schließlich sind die Vereinbarungen sehr komplex.

 

Planungen sind eine Herausforderung

Eine weitere Hürde: Die Firmen müssen ihren Energiebedarf langfristig – etwa über eine Laufzeit von zehn Jahren – im Vorhinein kalkulieren. „Das ist in der Regel nicht leicht. Innerhalb dieser Zeitspanne können sich strukturelle wie technische Veränderungen ergeben“, sagt Hahn. Unternehmer sollten eine Vorstellung davon haben, wie sich der Energiemarkt perspektivisch entwickeln könnte und zu welchen Konditionen sie einsteigen wollen.

Die Härtha Group hat sich für ein PPA entschieden. Seit Anfang Oktober bezieht der Metallveredler mit Sitz in Aldenhoven einen Teil seines Stroms aus dem EnBW-Solarpark Maßbach. Das Unternehmen schloss mit dem Energieversorger einen Industriekunden-Stromliefervertrag über zehn Megawatt Solarenergie ab. Für die nächsten 15 Jahre sicherte sich Härtha einen Festpreis. Damit stabilisierte CEO Sven Killmer den Strompreis für die Unternehmensgruppe.

 

CO2-Fußabdruck verbessern

Das war jedoch nicht der einzige Grund, warum Killmer diese Lösung gewählt hat. „Wir wollen mit unseren Wärmebehandlungs- und Oberflächendienstleistungen entscheidend dazu beitragen, die gesellschaftlichen Nachhaltigkeitsziele umzusetzen. Entsprechend wollen wir bei unserem eigenen Energieverbrauch so nachhaltig wie möglich sein“, sagt der CEO. Das Projekt hilft, den CO2-Fußabdruck der Gruppe deutlich zu reduzieren.

Killmer beschreibt den Auswahlprozess allerdings als „sehr intensiv, langwierig und mit relevanten Kosten verbunden“. Auf seine Ausschreibung reagierten zwar einige Energieerzeuger und -versorger. „Wir selektierten die namhaften Anbieter, weil wir eine stabile Basis für die langfristige Zusammenarbeit brauchen“, sagt der Firmenchef.

Doch er musste technische Voraussetzungen erfüllen und sich einer umfassenden Bonitätsprüfung unterziehen. „Jeder Partner will schließlich sicher sein, dass der andere in 15 Jahren auch noch am Markt ist“, so Killmer. Nicht zuletzt waren intensive Verhandlungen zu führen und das Vertragswerk aufzustellen. „Dafür braucht man unbedingt einen spezialisierten Rechtsanwalt.“ Interessierten Unternehmern gibt Killmer noch mit: „Üben Sie sich in Geduld. Der Aufwand vorab ist schon groß, aber es lohnt sich.“

Vier Tipps für den Energieeinkauf

Die Energiepreise bleiben hoch. Firmenchefs sollten sich frühzeitig um Verlängerung kümmern, wenn ihre Verträge auslaufen. So gehen Sie vor:

  • Angebote einholen: Ausschreibungen machen viel Arbeit. Unternehmer können sie ausgliedern – etwa an die Makler oder an unabhängige Experten wie Wolfgang Hahn, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft ECG Energie Consulting GmbH in Kehl. Unabhängige Experten wie er erhalten keine Provision, sondern arbeiten zu Tagessätzen.
  • Kooperationen eingehen: Der Strompreis entsteht an der Börse. Daher bringt es wenig, wenn Unternehmen ihre Nachfrage bündeln und sich zusammenschließen. Experte Hahn schreibt dennoch mitunter für 100 Firmen gleichzeitig Verträge aus: „Viel wichtiger als die Zahl der Beteiligten ist der beste Zeitpunkt des Abschlusses einer gebündelten Nachfrage.“ Das führt dann zu deutlichen Preisvorteilen, nicht nur bei den Transaktionskosten.
  • Verträge checken: Erfahrene Rechtsanwälte unterstützen beim Vertragscheck. Die Expertise ist besonders bei komplexen Vertragswerken erforderlich. Zum Beispiel, wenn sich Firmen selbstständig und direkt am Strommarkt versorgen.
  • Schnell entscheiden: Aufgrund der innerhalb eines Tages stark schwankenden Preise sind die Angebote momentan oft zeitlich gebunden. Unternehmen, die einen neuen Vertrag abschließen möchten, sollten deshalb intern schnelle Entscheidungen ermöglichen.