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Creditreform

Ob BMW mit dem Modell „i3“, Volkswagen mit dem „Golf VII“ oder Mazda mit dem „CX5“ – in der Automobilindustrie ist inzwischen Leichtigkeit Trumpf. Damit vollzieht die Branche eine fast historische Kehrtwende, waren gerade Autos doch lange Zeit schwerer und schwerer geworden. „Heutige Kompakt- und Mittelklassewagen wiegen in der Regel einige Hundert Kilogramm mehr als ihre automobilen Vorfahren in den 1970er- oder 1980er-Jahren“, sagt Prof. Stefan Böhm, der an der Uni Kassel zum Thema Leichtbau forscht.

Nicht allein die Automobilindustrie hat ihren Produkten Diät verordnet. Unternehmen aller Branchen suchen verstärkt nach Möglichkeiten, Material einzusparen, Ressourcen effizient einzusetzen und möglichst umweltfreundlich zu produzieren. Nicht zuletzt ist das die Reaktion auf gesellschaftliche und politische Umwälzungen, um die eigene Zukunftsfähigkeit zu sichern. So bescheren leichte Autokarossen den Käufern einen Vorteil durch weniger Benzinkosten, und Leichtbau ist eine Bedingung, um E-Karossen ins Rollen zu bringen. Wer im beginnenden E-Zeitalter nicht ins Abseits geraten will, muss leichte Autos bauen.

Dennoch bedeuten Material- und Ressourceneffizienz mehr, als einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen, die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit zu sichern oder gesetzliche Normen einzuhalten. Sozusagen auf der Metaebene geht es darum, die endlichen Ressourcen der Erde weit weniger in Anspruch zu nehmen, als wir es heute tun. Wie das ohne Verzicht gehen könnte, hat bereits Mitte der 1990er-Jahre der damalige Vizepräsident des Wuppertal-Instituts, Friedrich Schmidt-Bleek, formuliert. Mittels „Dematerialisierung“ soll es möglich werden, über neue Techniken und Verfahren die Ressourcenproduktivität deutlich zu erhöhen (siehe Kasten). Schmidt-Bleek war es auch, der den Begriff „Ökologischer Rucksack“ einführte und mit dem Konzept „Material-Input pro Serviceeinheit“ (MIPS) ein Zahlenwerk erdachte, das die Umweltauswirkungen von Produkten messbar macht. „Es gibt für die Anwendung des MIPS-Konzeptes zahlreiche Beispiele, vor allem im Rahmen von Forschungsprojekten zwischen Unternehmen und Wissenschaft“, erläutert Katrin Bienge, Projektleiterin am Wuppertal-Institut.

Ressourcen-Produktivität erhöhen

Dematerialisierung kann auch bedeuten, Bisheriges neu zu überdenken – so wie es Leichtbauspezialist Stefan Böhm tut: „Überall dort, wo es nach unserer heutigen Kenntnis möglich wäre, Kohlenstoff-Faser-verstärkte Kunststoffe als Strukturbauteile einzubauen oder sie schon verwendet werden, könnten im Prinzip holzbasierte Multimaterialsysteme zum Einsatz kommen.“ Kunststoff, Aluminium oder Stahlblech durch Holz ersetzen – seit gut einem Jahr erkundet Böhm in dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt „Holzformteile als Multi-Material-Systeme für den Einsatz im Fahrzeug-Rohbau“ (HAMMER), wie sich dies bewerkstelligen lassen könnte. Projektpartner sind neben anderen Volkswagen und das Fraunhofer-Institut für Holzforschung. Böhms Favorit ist Buchenholz. „Es besitzt beispielsweise bei einem Zehntel des Gewichts von Stahl ein Drittel der Festigkeit.“ Für die Herstellung von holzbasierten Komponenten müsse zudem nur ein Bruchteil der Energiemenge aufgewandt werden, die bei der Herstellung von Aluminium-, Kunststoff- oder Stahlbauteilen notwendig ist. Selbst der ökologische Rucksack von E-Autos könnte so noch kleiner werden.

Dirk Schäfer

Der Mensch bewegt heute bereits deutlich mehr Material als die Natur. Die Folgen für die komplexe Ökosphäre sind nicht vorherzusagen. Daraus resultiert die Forderung nach einer drastischen Dematerialisierung, also so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen. Als Vater der Dematerialisierung gilt der Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek: Er setzt sich für den Wandel von einer Durchfluss- zu einer Systemerhaltungs-Wirtschaft ein, in der wir Ressourcen wesentlich intelligenter, sprich effektiver nutzen. Bleeks Vision ist eine Wirtschaft, die um den Faktor 10 dematerialisiert ist, also nur zehn Prozent der Energie und der Rohstoffe braucht, um dieselben Dienstleistungen und Werte zu schaffen. Mehr Infos und Praxisbeispiele finden Sie unter creditreform-magazin.de/dematerialisierung